Ausgabe September 2009

Späte Rehabilitierung

Das unwürdige Gezerre um die Kriegsverräter

 

Am 8. September, wenige Tage, nachdem sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal jährte, wird der Bundestag die Urteile der Wehrmachtjustiz gegen sogenannte Kriegsverräter aufheben. Als Kriegsverrat galt, was „dem Feind nützt“ bzw. „Deutschland schadet“. Die prinzipiell verhängte Todesstrafe traf jeden, der versucht hatte, Juden zu retten, ebenso wie diejenigen, die in ihren Tagebüchern Kritisches zu den deutschen Kriegsverbrechen notiert hatten.

Die Verurteilten waren also durchweg honorige Menschen.[1] Mit ihnen wird nach den Kriegsdienstverweigerern, Wehrkraftzersetzern und Wehrmachtsdeserteuren die letzte moralisch-politisch legitimierte Gruppe der von der militärischen Sonderjustiz Verfolgten rehabilitiert.

Die politische Auseinandersetzung darüber wurde mehr als 20 Jahre geführt. Dass sie jetzt mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen wird, markiert ohne Zweifel eine begrüßenswerte Zäsur. Unter lebensgeschichtlichem Aspekt muss allerdings festgestellt werden, dass die späten Rehabilitierungen fast nur noch symbolischen Charakter haben, weil die meisten Opfer längst als Rechtsbrecher gestorben sind. Deshalb rehabilitiert sich die deutsche Gesellschaft mit diesem Beschluss vor allem selbst.

Dabei drängt sich die Frage auf, warum sich Politik und Gesellschaft mit der Aufhebung der Urteile so schwer taten.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Bild: Public Domain

Verdrängte Verbrechen: 80 Jahre Zweiter Weltkrieg

von Markus Meckel

Am 1. September jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs, der deutsche Überfall auf Polen, zum 80. Mal. Doch obwohl fast jede Familie davon betroffen war und Opfer zu beklagen hatte, ist in Deutschland das öffentliche Erinnern an den Zweiten Weltkrieg heute erstaunlich wenig präsent.

Rechter Terror oder: Die doppelte Vertuschung

von Thomas Moser

Wenn nun, nach der Ermordung des hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke, von einer „neuen Qualität des rechten Terrors“ die Rede ist, dann handelt es sich dabei um eine gefährliche Begrifflichkeit. Denn sie verharmlost die „alte Qualität“ des rechten Terrors.

Vorbild Stauffenberg?

von Klaus Naumann

Im Rahmen der hitzigen Diskussionen über seine soeben erschienene Stauffenberg-Biographie wartete Thomas Karlauf[1] mit einer Pointe auf, die es in sich hat. Der Graf, so Karlauf, gehöre „in die Mitte der Gesellschaft“.

Bild: Public Domain

Weimar in Washington: Die Totengräber der Demokratie

von Christopher R. Browning

Immer wieder erreichen mich, einen auf den Holocaust, die Nazi-Diktatur und das Europa der Zwischenkriegszeit spezialisierten Historiker, Fragen nach den Ähnlichkeiten zwischen der heutigen Situation in den USA und der Zwischenkriegszeit sowie dem Aufstieg des Faschismus in Europa.

Der Todesmarsch als Gemeinschaftsverbrechen

von Barbara Distel

Die Erinnerung an die Reichspogromnacht, die sich an diesem 9. November zum 80. Mal jährt und die den Beginn der systematischen Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten markiert, ist fest in der bundesrepublikanischen Gedenkkultur verankert.