Ausgabe April 2011

Katholische Herrenmoral

Ein Bußakt ist vollzogen, Entschädigungszahlungen bzw. „Leistungen in Anerkennung des Leids“ sind vereinbart. Die katholische Kirche in Deutschland hat sich bemüht, Antworten auf den Missbrauchskandal zu finden. Und jetzt? Ist alles wieder gut? Kann die Kirche sich wieder um das Eigentliche kümmern?

Diese Fragen sind keineswegs zynisch gemeint, sondern deskriptiv. Sie beschreiben vermutlich die Gefühlslage nicht weniger Kirchenfunktionäre. Einer der ehemals leitenden Jesuiten in Deutschland, die sich im letzten Jahr mit schriftlichen Stellungnahmen zu den Missbrauchsfällen im eigenen Orden geäußert hatten, lehnte im Februar d. J. ein Interview zu seiner Stellungnahme ab. Für ihn sei das Thema erstmal erledigt, er habe jetzt andere Aufgaben, um die er sich kümmern müsse.

Gewiss, die meisten Verantwortlichen in der Kirche sagen das nicht so direkt, zumindest nicht öffentlich. Sie reden von verstärkter Prävention, erhöhter Sensibilität, bleibender Verantwortung und Null Toleranz. Dass diese Themen wichtig sind, nicht nur für die Kirche, sondern für die gesamte Gesellschaft, ist unbestritten. Es wäre auch eine verkehrte Optik, wollte man den Skandal sexuellen Missbrauchs vor allem als ein Problem der katholischen Kirche hinstellen.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Religion

God‘s own country: Der Kampf um die Religiösen

von Claus Leggewie

Mit dem »Super Tuesday« am 3. März treten die Vorwahlen der US-Demokraten in die entscheidende Phase ein. Überraschend geht dabei neben Bernie Sanders nach ersten starken Ergebnissen auch Pete Buttigieg als Favorit ins Rennen. Wer aber ist überhaupt in der Lage, die USA und die Welt vor weiteren vier Jahren unter Donald Trump zu bewahren? Dem widmen sich die Beiträge von James K. Galbraith (zu Sanders‘ Wirtschaftsprogramm), Claus Leggewie (zur Rolle der Religion im Wahlkampf) und Paul M. Renfro, dessen Text zur Strategie von Buttigieg auch zeigt, wie erbittert die parteiinterne Debatte inzwischen geführt wird.