Ausgabe Juni 2011

Jenseits von Karikatur und Travestie: Marx im 21. Jahrhundert

Das Böse – ziemlich selten. Karl Marx – weitgehend im Recht. Wie das? War und ist nicht das Böse ubiquitär, „von Adam und Eva bis hin zu Abu Ghraib“ (John Banville) oder gar bis zu den Schüssen von Abbottabad im Mai 2011? Und waren Marx’ Ideen nicht ursächlich für das „Reich des Bösen“ (Ronald Reagan), für Massenmord und Zwangswirtschaft von Stalin bis zu Pol Pot?

Terry Eagleton scheint beides zu bezweifeln. In seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Essay „Das Böse“ (On Evil) plädiert er deshalb für ein genaueres Hinsehen: „Ein Kleinkind mag entsetzt sein beim Anblick einer Frau, die einen menschlichen Finger absägt, weil es nicht begreift, dass die betreffende Frau eine Chirurgin ist und der betreffende Finger sich nicht mehr retten lässt“, schreibt er. Anders ausgedrückt meint dies: Wenn wir Dinge im Zusammenhang betrachten, können „gut“ und „schlecht“ die Seite wechseln. Zudem ist „schlecht“ nicht gleichzusetzen mit „böse“, wie Eagleton, einer der wohl bedeutendsten lebenden Kulturtheoretiker, in einer brillanten tour d’horizon durch Belletristik, Philosophie und Geistesgeschichte von Jane Austen bis Slavoj Žižek demonstriert.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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