Ausgabe Februar 2012

Die Schuhe des Präsidenten

Ein Bundespräsident soll bürgernah sein, sich aber nicht gemein machen. Er soll über den Dingen stehen, aber nicht abgehoben wirken. Denn das Amt trägt ihn nur bedingt. Im Wesentlichen trägt er mit seinem öffentlichen Auftreten das Amt. Christian Wulff hat offenbar nichts gemacht, was strafrechtlich relevant wäre. Aber er hat das, was einem Bundespräsidenten in einer Konfliktsituation geziemt, nicht erfüllt. Dies hat zu der absurden Situation geführt, dass über Wochen die Frage im Raum stand, ob man dem Boulevard oder dem Präsidenten Glauben schenken soll.

Ein Bundespräsident, der meint, die Aufdeckung ihm peinlicher Finanzgeschäfte nicht nur durch persönliche Kontakte zur „Bild“-Zeitung verhindern, sondern dieser auch ernsthaft, und erfolgreich, mit „Krieg“ drohen zu können, ist fehl an seinem Platze.

Gewiss, Politik braucht Beziehungspflege auch mit denen, die ökonomisch mächtig sind. Das ist immer riskant, so man sich Angeboten oder Verlockungen – die nicht einmal strafbar sind – nicht zu entziehen weiß. Man sollte jedoch nicht Freundschaft nennen, was Kumpanei, Vorteilsnahme oder indirekte Beeinflussung ist.

Wulff deutet die Dinge auf eine peinliche Weise um: Wenn man nicht mehr bei seinen Freunden übernachten darf, so Wulff, dann verändert sich die Republik. Dabei handelte es sich aber nicht um gelegentliche Übernachtungen bei Freunden, sondern um eine Reihe von Urlauben bei sehr reichen Leuten. Was muss ein normaler Mensch dabei denken, der sich rechtzeitig seinen Urlaubsplatz buchen muss? Wer die Dinge derart verschiebt, verhält sich inkorrekt und schadet seinem hohen Amt.

Aber hat Christian Wulff nicht selbst völlige Transparenz zugesagt, um den Vorwürfen gegen ihn zu begegnen? Dieses Versprechen aber kann er gar nicht halten. Völlige Transparenz verrät gerade das, was man in der Politik auch braucht: Diskretion, damit Dinge wachsen und reifen können.

Wer indes Transparenz vollmundig ankündigt und meint, dass sich dadurch gleich die Republik verändern würde, wer die Medien neu „einbinden“ möchte, bringt damit eines zum Ausdruck: dass er nicht verstanden hat, worum es geht.

Die Medien darf man nicht einbinden; sie müssen ihre Arbeit machen. Zugleich aber hat auch der Bundespräsident ein Recht auf Privatheit. Und Schnüffeljournalismus in das Privatleben ist nicht Ausdruck, sondern Auswuchs der Medienfreiheit.

Es gibt in der Politik heute Positionen, in denen man kaum noch zwischen Privatem und Öffentlichem unterscheiden kann. In einem zerschleißenden Vollzeitjob wie dem des Präsidenten (oder gar dem der Kanzlerin) muss man fast immer verfügbar sein. Das ist eine permanente Belastung, aber ein Präsident darf dabei nicht die Contenance verlieren. Sonst zeigt sich: Er hat schöne Schuhe an, aber die Schuhgröße passt nicht.

Dass Christian Wulff kabarettreif geschossen wurde, hat er sich selbst zuzuschreiben. Er ist in seinem hohen Amt nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Er kann das Amt vielleicht behalten, aber nicht mehr ausfüllen. Er kann es vielleicht noch ausführen, aber es führt kein Weg zurück
zur erforderlichen Achtung gegenüber dieser Person in dieser Position.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema