Ausgabe November 2014

Die zementierte Teilung

Literatur und Kritik 25 Jahre nach dem Mauerfall

Zu Lebzeiten von Goethe und Schiller stritt man in deutschen Landen ein wenig darüber, wer von beiden denn der größere Geist sei. Es gab geteilte Meinungen zwischen Nord und Süd, Ost und West. Als Goethe von dieser „Umfrage“ (oder gar einem Diskurs?) hörte, lächelte er weise: Deutschland möge doch froh sein, zwei solche Kerle zu haben. Sehr beziehungs- und lehrreich: Deutschland könnte zu jeder Zeit weit mehr machen aus den Erfahrungen seiner Teilung. Auch heute. Denn die Götter haben doch bei weitem nicht so profan und motorisch gewirtschaftet, dass sie etwa im Westen alle Heiligen, im Osten nur alle Einfalt ansiedelten.

Wenngleich: Auch im 25. Jahr nach dem Mauerfall hat der Verweis auf grobianische westdeutsche Praktiken bei der Bewertung von DDR-Leben noch immer mehr als nur historisch-anekdotische Bedeutung. Und das just im Bereich von Kunst und Literatur, wo man eigentlich einen gewissen Gediegenheitsgrad vergleichenden Denkens sollte voraussetzen können. Jüngstes Beispiel für das Gegenteil: Im September äußerte Tilman Krause in der Tageszeitung „Die Welt“ sein Missfallen über die Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen, Regie: Frank Castorf.[1] Nun muss man die Arbeiten des Chefs der Berliner Volksbühne überhaupt nicht mögen.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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