Ausgabe November 2014

Die zementierte Teilung

Literatur und Kritik 25 Jahre nach dem Mauerfall

Zu Lebzeiten von Goethe und Schiller stritt man in deutschen Landen ein wenig darüber, wer von beiden denn der größere Geist sei. Es gab geteilte Meinungen zwischen Nord und Süd, Ost und West. Als Goethe von dieser „Umfrage“ (oder gar einem Diskurs?) hörte, lächelte er weise: Deutschland möge doch froh sein, zwei solche Kerle zu haben. Sehr beziehungs- und lehrreich: Deutschland könnte zu jeder Zeit weit mehr machen aus den Erfahrungen seiner Teilung. Auch heute. Denn die Götter haben doch bei weitem nicht so profan und motorisch gewirtschaftet, dass sie etwa im Westen alle Heiligen, im Osten nur alle Einfalt ansiedelten.

Wenngleich: Auch im 25. Jahr nach dem Mauerfall hat der Verweis auf grobianische westdeutsche Praktiken bei der Bewertung von DDR-Leben noch immer mehr als nur historisch-anekdotische Bedeutung. Und das just im Bereich von Kunst und Literatur, wo man eigentlich einen gewissen Gediegenheitsgrad vergleichenden Denkens sollte voraussetzen können. Jüngstes Beispiel für das Gegenteil: Im September äußerte Tilman Krause in der Tageszeitung „Die Welt“ sein Missfallen über die Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen, Regie: Frank Castorf.[1] Nun muss man die Arbeiten des Chefs der Berliner Volksbühne überhaupt nicht mögen.

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In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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