Ausgabe Oktober 2014

Europa: Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Je länger man Europa vernünftig anschaut, desto unvernünftiger schaut es zurück.“ Mit diesem Satz beginnt der Soziologe und Philosoph Hauke Brunkhorst sein jüngstes Buch und dreht damit einen Satz Hegels um, der noch der Meinung war, man müsse nur vernünftig in die Geschichte hineinsehen, dann schaue sie auch vernünftig zurück.

In Europa, das heißt in der EU, läuft in der Tat vieles von Anfang an verkehrt, auch wenn die europäische Einigung noch so oft als erfolgreiches, ja sogar friedensnobelpreiswürdiges Projekt gelobt wird. Doch die Friedens- und Weltbeglückungsrhetorik, mit der die Geschichte der EU besungen wird, ist verlogen, denn am Anfang der europäischen Gemeinschaft zu Beginn der 1950er Jahre stand die doppelte Verdrängung ihres wirklichen Ursprungs: Verdrängt wurde der emanzipatorische Anspruch, mit dem die europäische Einigung 1945 begann. Und verdrängt wurde die koloniale Unterdrückung, in die europäische Staaten bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts verwickelt blieben – Frankreich etwa in Algerien, das die Politik der Vierten Republik mit einem brutalen Krieg und Folter an sich binden wollte.

Beginnend noch in der Kriegszeit und sich verstärkend nach 1945 gab es starke proeuropäische Impulse von progressiven wie konservativen Intellektuellen und zahlreichen europäischen Bewegungen von unten.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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