Ausgabe September 2014

Mafia goes Internet

Was hatte doch der Papst für Aufsehen gesorgt, als er Mitte Juni die Mafia der „Anbetung des Bösen und der Verachtung des Gemeinwesens“ anklagte, sie als unvereinbar mit dem christlichen Glauben verurteilte und ihre Mitglieder kurzerhand exkommunizierte. Und das im tief katholischen Kalabrien, dem südlichsten Zipfel Italiens, kurz vor Sizilien!

Bis heute ist von nennenswerten Bekehrungen allerdings nichts bekannt. Dafür scheint ein ganz anderer Gegner wesentlich mehr Erfolg zu haben, nämlich das Internet. Offenbar wird es zum größten Feind der Mafiosi und ihrer neumodischen habits of the heart, ihrer Sitten und Gewohnheiten.

Denn offensichtlich ist auch das organisierte Verbrechen schon lange nicht mehr, was es einmal war. Wer erinnert sich nicht an den legendären Salvatore Totò Riina! Seinen ersten Mord beging er bereits 1949 im zarten Alter von 19 Jahren. Seit Anfang der 70er wieder per Haftbefehl gesucht – da hatte „die Bestie“, so sein Spitzname, schon unzählige Morde auf dem Kerbholz und einige Jahre dafür gesessen – , wurde er jedoch erst 1993 verhaftet. Und warum? Über 20 Jahre hatte er sich in einem unscheinbaren Landhaus versteckt. Zwar nicht gerade bei Wasser und Brot, aber auch nicht bei viel mehr. Kurzum: Jahrelang gab es nichts, was einen echten Mafiosi aus der notgedrungen selbst gewählten Einsamkeit seiner Klause hervorlocken konnte. Denn das Wichtigste ließ sich ja auch von dort aus glänzend organisieren: der Terror und die Morde, um das Vermögen der „Familie“ zu mehren. Schließlich hatte man dafür ja seine einschlägigen Freunde: So soll Riina sich in dieser Zeit mehrfach mit dem siebenmaligen christdemokratischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti getroffen haben.

Doch offenbar sind Riinas Nachkommen nicht mehr aus demselben Schrot und Korn. Bescheidenheit und Zurückhaltung, gar Entbehrung im Dienste der „ehrenwerten Gesellschaft“ sind nicht mehr ihre Sache. Nicht „omerta“, das Gesetz des Schweigens, sondern „online“ lautet ihre Devise. Das demonstrierte unlängst Domenico Palazotto, der junge Anführer der Cosa Nostra im Stadtteil Arenella von Palermo. Völlig ungeniert präsentierte er auf seiner Facebook-Seite die interessantesten Fotos: mal posierend in der Stretchlimousine mit Champagner und Zigarillo, mal auf dem dicken Motorboot, natürlich mit nacktem Oberkörper. Ganz so also, wie man sich das Mafiosileben des 21. Jahrhunderts vorstellt. Dumm nur, dass er sich zudem auf einem Video damit brüstete, der wahre Pate der Stadt zu sein. Spätestens ab da interessierte sich auch die Polizei für ihn, um ihn kurz darauf einzubuchten. Was aber bedeutet das alles? Das finale Ende unserer guten alten Welt und ihrer wahren Werte? Den totalen Kulturverlust der letzten verbliebenen konservativen Institution Italiens – nach dem Niedergang der katholischen Kirche? Und damit den Beleg dafür, dass die Individualisierungstheorie eben auch in den reaktionärsten Kreisen greift?

Aber seien wir doch ehrlich: Wer wollte es dem armen Jung-Mafiosi verdenken, dass er in unserer exhibitionistischen Gesellschaft auch einmal ein Selfie machen will – mit sich und seinen hart erarbeiteten Statussymbolen? Und wer wollte ihm schon das Twittern verbieten – zumal, wenn er anschließend in den Bau wandert. Deshalb: Twitter frei für Riina und Co.! Denn auf eines ist auch in Italien Verlass: Die schwedischen Gardinen sind immer noch die alten.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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