Ausgabe April 2015

Eine »Ära der Säuberungen«: Der Völkermord an den Armeniern

Als am 16. März 1915 der deutsche Konsul Paul Schwarz auf einer Reise von Erzurum nach Istanbul im zentralanatolischen Harput eintraf,[1] hatte sich für ihn spürbar etwas im Land verändert. Am Abend machte er dem Vali Sabit Bey seine Aufwartung. Zwei Stunden dauerte die Unterredung, bevor Schwarz wieder bei seinen Gastgebern in der Missionsstation des deutschen Hülfsbunds eintraf. „Er kam ungefähr um 9 Uhr 30 abends in einem Zustand großer Erregung an“, berichtete die dänische Krankenschwester Hansina Marcher, die ihn dort empfing, „und erzählte ihnen sofort den Inhalt seines Gesprächs. Der Vali hatte erklärt, dass die Armenier in der Türkei vernichtet werden müssten und vernichtet werden würden. Ihr Reichtum und ihre Zahl hätten sich so vermehrt, dass sie eine Bedrohung für die herrschende türkische Rasse geworden seien, sagte er; dagegen gäbe es nur das Mittel der Ausrottung. Der Konsul hatte eingewandt und dargestellt, dass Verfolgung die geistigen Kräfte einer unterworfenen Rasse immer mobilisiere und daher schon aus eigennützigen Gründen die schlechteste Politik für die Herrschenden war. ‚Nun, das werden wir ja sehen‘, sagte der Vali und beendete die Unterredung.“[2] 

Seit dem Beginn des Weltkriegs hatte sich die Stimmung gegenüber den osmanischen Armeniern spürbar verschlechtert.

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