Ausgabe Juni 2015

Macht und Expansion

Warum das heutige Russland gefährlicher ist als die Sowjetunion

Wenn ich mit einer persönlichen Erinnerung beginnen darf: 1990 konnte ich als Gast des Instituts für Philosophie der sowjetischen Akademie der Wissenschaften vier Monate in Moskau verbringen, die zu den faszinierendsten und glücklichsten meines Lebens gehören. Ich konnte mit eigenen Augen erleben, dass die von Michail Gorbatschow angekündigte Glasnost Wirklichkeit wurde: Die Gespräche mit Kollegen und Studenten waren sachorientiert, geistig intensiv und ehrlich, denn man fürchtete den Druck eines totalitären Staates nicht mehr, die Angst vor einer militärischen Auseinandersetzung mit dem Westen (aller Wahrscheinlichkeit nach unter Einsatz von Nuklearwaffen) zerschmolz, man war zwar besorgt, aber auch gespannt auf den Fortgang der Perestroika, und man freute sich darauf, endlich in den Westen reisen zu können. Der Kalte Krieg war zu Ende, und Russen gratulierten mir mit aufrichtiger Freude zu der bevorstehenden Einigung Deutschlands.

Leider sind die Erinnerungen an die Aufbruchszeit vor einem Vierteljahrhundert oft ein Hinderungsgrund, die heutige Situation richtig einzuschätzen: Denn man nimmt nur ungern das Scheitern von Hoffnungen wahr. Die Weigerung vieler, die heutige Realität Russlands ohne Wunschdenken zur Kenntnis zu nehmen, hat in psychologisch sehr naheliegenden Selbsttäuschungsmechanismen ihren entscheidenden Grund.

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