Ausgabe November 2016

»Lasst sie doch absaufen«, Teil 1

Umweltrassismus und das Ende der Heimat

Edward Said war kein tree-hugger – keiner, der Bäume umarmt oder sich zu ihrem Schutz an sie kettet. Er, der von Händlern, Handwerkern und Akademikern abstammte, charakterisierte sich selbst einmal als „Extremfall eines verstädterten Palästinensers, dessen Verhältnis zur ländlichen Welt im Grunde rein metaphorischer Art ist“. In „After the Last Sky“, seiner Meditation über die Fotografien Jean Mohrs, erforschte er palästinensisches Leben bis in seine intimsten Aspekte hinein, von der Gastfreundschaft über den Sport bis hin zu Lebensstil und häuslichem Ambiente. Noch das kleinste Detail – die Hängung eines gerahmten Bildes, die Trotzhaltung eines Kindes – löste eine wahre Sturzflut Saidscher Einsichten aus. Doch vor Bildern von palästinensischen Bauern – wie sie mit ihrem Vieh umgingen oder Feldarbeit verrichteten – verflüchtigte sich Saids Beobachtungsgabe. Welche Getreidesorten wurden da angebaut? Wie war die Bodenqualität? Gab es genug Wasser? Da kam rein gar nichts. „Ich sehe immer nur ein Volk armer, leidender Bauern, manchmal als Farbfleck, aber unwandelbar und kollektiv“, gestand er. Das sei, wie er zugab, eine „mythische“ Wahrnehmung – aber er wurde sie nicht los.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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