Ausgabe Juli 2019

Crazy Britannia

Da sage noch einer, die Briten wären nicht konsequent! Eben noch musste sich Boris Johnson vor Gericht verantworten, weil er – wider besseres Wissen – während der Brexit-Kampagne behauptet hatte, Woche für Woche gingen 350 Mio. Pfund netto an die EU, die man direkt in das Gesundheitssystem stecken könne, womit er Hunderttausende seiner Mitbürger in Austrittspanik versetzte. Doch kaum hatte ihn der High Court freigesprochen – schließlich war es laut Johnsons Anwälten gar keine Tatsachenbehauptung, sondern „nur eine politische Forderung“ gewesen –, kandidierte das enfant terrible der Tories umgehend für das Amt des Vorsitzenden – ohne jeden Anflug von Reue.

Hätte er sich doch ein Beispiel an seinem ehrwürdigen Mitstreiter Nigel Farage genommen: Der UKIP-Gründer distanzierte sich direkt nach dem Brexit von seinem 350-Millionen-Pfund-Schwindel – und gleich auch noch von seiner Partei, um sich mit breitem Grinsen und „Mission accomplished“ vom Acker zu machen. Doch wer glaubt, dass die Briten die Lügen ihrer Brexiteers mit gesundem Volkszorn quittieren, hat sich geirrt. Nein, der typische Englishman ist ein echter Sportsmann, ein fairer Verlierer und alles andere als nachtragend. Und so avancierte Farages neue „Brexit-Partei“ bei der EU-Wahl mit fast einem Drittel der Stimmen und 28 von 73 britischen Mandaten zur mit Abstand stärksten Partei.

Noch besser hat es nun der zweite Erzganove getroffen: Nach den Ausscheidungskämpfen zum Parteivorsitz, die fast im Dschungelcamp-Modus stattfanden (jeden zweiten Tag fliegt einer raus), hat Johnson, der bei der Parteibasis beliebte Exzentriker und Brexit-Hardliner, nun die Stichwahl der 160 000 Parteimitglieder gewonnen – was ihn direkt zum Nachfolger von Theresa May auf dem Posten des Premierministers macht.

Mit dem Einzug in 10 Downing Street ist der von Ehrgeiz getriebene Johnson endlich am Ziel seiner Träume angelangt – und sein Plan doch noch aufgegangen. Schließlich hatte er sich 2016 nur deshalb für den Brexit und die folgende Lügenkampagne entschieden, um seinen Erzrivalen David Cameron zu schwächen. Allerdings hatte er dabei selbst die Rechnung ohne den Wirt – sprich: die derart verhetzte Bevölkerung – gemacht. Ein Sieg stand eigentlich gar nicht auf seiner Rechnung; ihm hätte eine knappe Niederlage als Achtungserfolg gereicht, um alsbald einem so geschwächten Cameron den Job abzunehmen. Doch der Zocker hatte sich verzockt, es kam bekanntlich anders.

So aber bekommt der Irrsinn der vergangenen drei Jahre jetzt ja vielleicht doch noch einen tieferen Sinn. Denn nun muss endlich derjenige die Verantwortung übernehmen, der den Briten den ganzen Schlamassel eingebrockt hat.

Das Fatale dabei: Auch diesmal werden den „Spieleinsatz“ – sprich: den Brexit – wie so oft andere bezahlen müssen, nämlich die sozial Schwachen. Johnsons potente Mitstreiter, etwa den erzkonservativen Multimillionär Jacob Rees-Mogg, wird das alles wenig tangieren. Im Gegenteil:

Bereits Johnsons erste Forderung lautete Steuererleichterungen für Wohlhabende.
Einen dagegen wird ein zukünftiger Premier Johnson besonders freuen: Donald Trump. Der US-Präsident hat sich längst für ihn ausgesprochen, nachdem er seinen Lieblingsbriten namens Farage direkt nach seinem Wahlsieg empfangen hatte. Mit Boris Johnson – „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte!“ – wäre die neue Dreier-Bande komplett. Dann hieße es endgültig: „Willkommen im Club der Volksverführer!“

Dies die leicht aktualisierte Fassung des Textes der gedruckten Ausgabe (Stand: 23. Juli 2019).

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema