Ausgabe November 2019

Stachel im Fleisch

Die Habermas-Rezeption in der DDR

Bei der Untersuchung der Rezeption von westdeutschen Autorinnen und Autoren in der DDR muss man grundsätzlich zwischen den offiziell gedruckten Stellungnahmen und der mündlichen Überlieferung stattgefundener Diskussionen unterscheiden. Was in der DDR gedruckt wurde, unterlag vorher einer Überprüfung durch die Leiter der wissenschaftlichen Einrichtungen und Verlage, die wiederum den entsprechenden Gremien der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) politisch unterstanden. Es gab eine Zensur, die zu Selbstzensur führen konnte. Die mündlichen Diskussionen waren freier als die schriftlichen, wenn sie unter Fachleuten in einem Institut stattfanden, und nochmals umso offener, wenn sie informell bei privaten Treffen erfolgten, obwohl man auch da im Ausnahmefall mit Berichten an den Nachrichtendienst der Staatssicherheit zu rechnen hatte.[1]

Dieses Gefälle von offiziell gedruckten Stellungnahmen über mündliche Fachdiskussionen bis zu informell privaten Einschätzungen trifft insbesondere auf die Bücher von Jürgen Habermas zu. Sie wurden gerne und oft zustimmend gelesen und informell weiterempfohlen, weil sie direkt dabei halfen, das grundsätzliche Strukturdefizit an Öffentlichkeit und an Demokratie in der DDR auf kritische Weise aufzudecken, und weil sie konsequent für eine Weiterentwicklung des Marxschen Denkeinsatzes eintraten.

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