Ausgabe November 2019

Stachel im Fleisch

Die Habermas-Rezeption in der DDR

Bei der Untersuchung der Rezeption von westdeutschen Autorinnen und Autoren in der DDR muss man grundsätzlich zwischen den offiziell gedruckten Stellungnahmen und der mündlichen Überlieferung stattgefundener Diskussionen unterscheiden. Was in der DDR gedruckt wurde, unterlag vorher einer Überprüfung durch die Leiter der wissenschaftlichen Einrichtungen und Verlage, die wiederum den entsprechenden Gremien der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) politisch unterstanden. Es gab eine Zensur, die zu Selbstzensur führen konnte. Die mündlichen Diskussionen waren freier als die schriftlichen, wenn sie unter Fachleuten in einem Institut stattfanden, und nochmals umso offener, wenn sie informell bei privaten Treffen erfolgten, obwohl man auch da im Ausnahmefall mit Berichten an den Nachrichtendienst der Staatssicherheit zu rechnen hatte.[1]

Dieses Gefälle von offiziell gedruckten Stellungnahmen über mündliche Fachdiskussionen bis zu informell privaten Einschätzungen trifft insbesondere auf die Bücher von Jürgen Habermas zu. Sie wurden gerne und oft zustimmend gelesen und informell weiterempfohlen, weil sie direkt dabei halfen, das grundsätzliche Strukturdefizit an Öffentlichkeit und an Demokratie in der DDR auf kritische Weise aufzudecken, und weil sie konsequent für eine Weiterentwicklung des Marxschen Denkeinsatzes eintraten.

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In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europas. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

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