Ausgabe August 2020

Männergewalt vor Gericht

Titelbild des Buches "Akteneinsicht"

Bild: Kunstmann

Jeder Fall ist anders: Eine behütete Tochter aus bürgerlichem Elternhaus verliebt sich in einen halbseidenen Typen, der sich nach der Hochzeit als Schläger herausstellt. Eine junge Roma, Sexarbeiterin, wird vom deutschen Freund ihres Bruders gestalkt und geschlagen. Eine erfolgreiche Managerin hat noch immer damit zu kämpfen, dass ihr Vater sie als Kind jahrelang vergewaltigt hat. Eine linke Aktivistin überlebt nur um Haaresbreite den Messerangriff eines Neonazis. Eine Tschetschenin wird in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft von ihrem Mann regelmäßig misshandelt, und alle schauen weg.

Insgesamt acht Fälle von Gewalt gegen Frauen hat die Anwältin Christina Clemm in ihrem neuen Buch dokumentiert. Die Lektüre von „AktenEinsicht“ hinterlässt einen gewaltigen Kloß im Hals – gerade angesichts der sich zunehmend offenbarenden teils gravierenden Gewalttaten, denen Frauen und Kinder während des Lockdowns ausgesetzt waren. Die Autorin hat für die Dokumentation dieser Geschichten eine literarische Form gefunden, die sowohl die Einzigartigkeit der Geschichten bewahrt, als auch ihre Einbettung in eine patriarchale Kultur deutlich macht, die es dieser Gesellschaft bis heute erschwert, angemessene Mittel gegen sexistische Gewalt zu finden.

In ihrer Darstellung verwebt Christina Clemm zwei Textformen: Einerseits erzählt sie die einzelnen Fälle wie Kurzgeschichten und zeigt den Leserinnen und Lesern so die Perspektive der Geschädigten: Man erfährt ihre Vorgeschichte, ihre Versuche, sich zu wehren, die Suche nach Hilfe und schließlich die strafrechtliche Verfolgung der Täter. Auch wenn die Fakten und Ereignisse eher nüchtern und knapp geschildert werden, liest sich das spannend wie ein Krimi: Man will wissen, wie es ausgeht. Unterbrochen werden die Geschichten von Einschüben mit Hintergrundinformationen: Wie ist die genaue Gesetzeslage? Wie sehen die Statistiken zu einzelnen Gewaltformen aus? Welche politischen Debatten sind darüber geführt worden?

Mit Bedacht hat Christina Clemm für ihr Buch solche Fälle ausgewählt, bei denen die Opfer am Ende „gewonnen“ haben. Es gab also eine verbriefte gesellschaftliche Anerkennung, dass hier tatsächlich Gewalt stattgefunden hat und die Täter wurden verurteilt. Doch bei der Schilderung der Verfahren wird deutlich, wie viele glückliche Umstände dafür zusammenkommen mussten, wie leicht es auch hätte anders ausgehen können. Denn das haben alle Fälle – so unterschiedlich sie auch sind – gemeinsam. Stets müssen die Opfer darum kämpfen, dass ihre Schilderung der Ereignisse ernst genommen werden, dass ihnen geglaubt wird. Sie alle müssen erfahren, dass die erlebte Gewalt als bloße Phantasie oder falsche Anschuldigung abgetan oder zumindest als selbstverschuldet relativiert wird.

Gerade deshalb sind für viele von ihnen die Gerichtsurteile durchaus eine Erleichterung, doch zeigt Clemm auch, dass Strafverfahren letztlich kaum das Leid der Opfer wieder gut machen können. Die Extrembeispiele hierfür liefern Fälle von tödlicher Gewalt, etwa die Geschichte jener Frau, die ihren Ex-Freund siebzehn Mal vergeblich bei der Polizei angezeigt hatte, bevor er sie schließlich ermordete. Um ein Haar wäre der Täter auch noch mit einer Verurteilung für Totschlag im Affekt und einer kurzen Freiheitsstrafe davongekommen. Nur dem entschlossenen Beharren der Tochter der Ermordeten und ihrer Anwältin, die geradezu detektivische Ermittlungsarbeit betrieben hat, ist es zu verdanken, dass schließlich der Beweis für heimtückische Planung, also einen Mord, erbracht werden konnte.

Auch bei den anderen Fällen wirken die vor Gericht errungenen Siege irgendwie schal. Der Preis, den die Geschädigten zahlen mussten, ist sehr hoch. Man versteht bei der Lektüre dieser Einzelschicksale nur allzu gut, warum viele Opfer patriarchaler Gewalt ganz davon absehen, den Rechtsweg zu gehen. Denn in aller Regel werden die Täter nur verurteilt, wenn die Betroffenen mit großer Selbstbeherrschung, viel Mut und enormer Willenskraft vor Gericht aussagen, wenn sie sich nicht von Anschuldigungen, Anfeindungen, Unterstellungen und psychologischem Druck der Gegenseite aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Nicht alle Menschen halten das aus. Daran lässt sich leider nicht viel ändern. Denn obschon es in den Gesetzen und Verfahren zweifellos noch einiges zu verbessern gibt, lässt sich das prinzipielle Dilemma im Rahmen eines Strafverfahrens doch nicht beheben: Selbstverständlich muss auch bei Fällen von patriarchaler Gewalt die Unschuldsvermutung gelten, muss also die Glaubwürdigkeit von Anklägerinnen hinterfragt, müssen ihre Aussagen in Zweifel gezogen und ihre Geschichten auseinandergenommen werden.

Die angebliche Mitschuld der Opfer

Deutlich wird somit, dass das Problem wesentlich tiefer liegt und sich mit juristischen Maßnahmen allein nicht beheben lässt. All die Fälle sind trotz ihrer Unterschiedlichkeit an einem Punkt miteinander verbunden: Sie können überhaupt nur geschehen, weil sexistische, patriarchale Gewalt in unserer Kultur nur dann als Problem begriffen wird, wenn sie „zu weit“ geht. Dabei ist es nebensächlich, ob das Opfer eine erfolgreiche Unternehmerin, eine Sexarbeiterin und Roma, eine geflüchtete Muslimin oder eine deutsche Studentin ist, und es ist ebenso nebensächlich, ob es sich beim Täter um einen Drogendealer, einen Pfarrer, einen Polizisten oder einen Neonazi handelt. Denn eines ist immer gleich: Stets wird die Gewalt bis zu einem gewissen Punkt toleriert und kleingeredet. Man tritt ihr nicht prinzipiell entgegen, sondern nur, wenn die Täter es „übertreiben“. In unserer Gesellschaft ziehen Gesetze und soziale Konventionen bloß eine Grenze des Akzeptablen, unterbinden patriarchale Gewalt aber nicht prinzipiell.

Besonders perfide ist, dass diese Aufgabe oft den Frauen selbst zugewiesen wird. Unweigerlich fragt man sich bei allen Geschichten in Clemms Buch, ob es nicht einen Punkt gab, an dem die Betroffene hätte Nein sagen können. Warum hat etwa die Frau, die sich in einen Schläger verliebt hat, diesen Mann überhaupt geheiratet, war der nicht von vornherein suspekt? Hätte sie ihn nicht spätestens nach der ersten Ohrfeige verlassen müssen? Oder die junge Roma, die mit Bruder und Vater nach Deutschland gekommen war, um als Sexarbeiterin Geld für die Familie zuhause zu verdienen: Hätte sie nicht früher die Reißleine ziehen müssen, als sie von einem Freund ihres Bruders bedrängt wurde? War es nicht dumm von ihr, sich auf schnellen Sex mit ihm einzulassen, in der Hoffnung, ihn dadurch loszuwerden? Hätte sie nicht wissen müssen, dass er dadurch erst recht meinte, einen Anspruch auf sie zu haben?

Allzu oft wird es ganz selbstverständlich als Aufgabe von Frauen angesehen, Grenzen zu markieren und Männer in ihre Schranken zu weisen. Das schlägt sich immer wieder auch in Gerichtsprozessen nieder. Clemm schildert etwa den Fall einer geflüchteten Tschetschenin, die sich gegen die Verfolgungen ihres Ex-Mannes wehrt. Während des Verfahrens zeigt sich, dass die emanzipiert-feministische Richterin eine Mitschuld bei der Muslima vermutet: „Wissen Sie“, belehrt sie die Klägerin, „es nützt nichts, immer nur dazusitzen und die arme misshandelte Frau zu sein. Vielleicht haben Sie das nicht gelernt, aber Sie können auch einiges selbst in die Hand nehmen. Ändern Sie mal was. Typveränderung sage ich, Kopftuch ab, Haare schneiden, blond färben, zeitgemäße Klamotten. Dann findet der Sie nie!“

Allerdings markierte die religiöse Kleidung bereits genau jene „Typveränderung“, die die Richterin einforderte. Die Klägerin und ihr Mann waren zwar muslimisch, aber nicht besonders religiös. Sie trug jetzt das Kopftuch, um von ihrem Mann gerade nicht auf der Straße erkannt zu werden. Die Richterin war hier ihren antimuslimischen Vorurteilen aufgesessen. Doch dies ist nur ein besonders offensichtliches Beispiel dafür, wie Vorurteile dazu beitragen, dass Opfern von patriarchaler Gewalt nicht geglaubt oder ihnen eine Mitschuld zugesprochen wird.

Gewalt gegen Frauen entspringt aber keinem speziellen Milieu und nicht nur einer sozialen Klasse oder Religion. Sie kommt buchstäblich überall vor. Und deshalb geht sie uns alle an. Die Lektüre dieses Buches sei deshalb allen sehr ans Herz gelegt.

Christina Clemm: AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt. München, Kunstmann 2020, 206 Seiten, 20 Euro.

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

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