Ausgabe Juli 2020

Wunderkind im Sturzflug

Armer Philipp Amthor! Sollte es das tatsächlich schon gewesen sein – mit der Erfolgsgeschichte des CDU-Wunderkinds, dieses Sebastian Kurz aus Meck-Pomm? Mit 15 Jahren JU-Mitglied, mit 27 jüngster Bundestagsabgeordneter der Union, und das im Wahlkreis direkt neben Angela Merkel. Und dabei doch immer ganz brav und bieder, an- und bodenständig geblieben, mit Kassenbrille und Seitenscheitel – der Saubermann der CDU. Denkste!

Offensichtlich war Amthor die selbstgemachte Kartoffelsuppe als der höchste der Merkelschen Genüsse doch zu wenig. Stattdessen strebte der Junge aus Torgelow nach Glanz und Glamour und ließ sich daher vom KI-Start-Up Augustus Intelligence anwerben. Für dieses lobbyierte er eifrig beim mächtigen Parteifreund Peter Altmaier – und wurde prompt mit einem Posten im „Board of Directors“ belohnt. Plötzlich gab es nun nicht mehr nur den CDU-Stammtisch in Wolgast, sondern Flüge nach New York, edelste Hotels inklusive. Dort umgab sich Amthor mit den wirklich Reichen, Wichtigen und Rechtskonservativen im Lande – von Karl-Theodor zu Guttenberg über Roland Berger bis hin zu Hans-Georg Maaßen.

Dumm nur, dass all das jetzt gut bebildert im „Spiegel“ zu sehen ist. Doch wer wollte es dem armen Philipp verdenken? Der immer schon so gerne mit den Großen spielen wollte – und dabei doch immer noch so aussah, als müsse Mutti ihn gleich aus dem Bällebad abholen. Denn das genau ist das Drama des altklugen Kindes: Wer immer nur als altklug gilt, will endlich wirklich so alt wie klug sein. Wer hätte dafür kein Verständnis!

Weniger bringt man dagegen dafür auf, dass Amthor auch mehr als 2800 Aktienoptionen erhielt, die mit jeder Wertsteigerung der Firma natürlich ihrerseits im Wert steigen. Ein Schelm, wer dabei nicht an persönliche Bereicherung denkt. Immerhin gibt sich der einstige Jungstar ein klein wenig reuig. „Es war ein Fehler“, schreibt Amthor auf Facebook. Sein Engagement für das Unternehmen entspreche „rückblickend“ nicht seinen „eigenen Ansprüchen an die Wahrnehmung meiner politischen Aufgaben.“ Allerdings tat es das auch schon vorausblickend nicht. Und ein echtes Cleverle wie Amthor hätte das natürlich wissen müssen. Doch er habe seinen Einsatz für KI-Innovationen „als bereichernden Blick“ empfunden. Was Amthor unter „bereichernd“ verstand, verstehen wir nun allerdings auch.

Am schwersten allerdings wiegt etwas anderes: Dass nämlich dieser doch so begabte Konservative seine eigene Leitkultur so gar nicht verinnerlicht hatte – nämlich das hoch gerechte Leistungsprinzip. Vulgo: Hast Du erst mal was erreicht, kannst Du Dir auch was leisten – manchmal sogar fast alles.

Dabei hätte Amthor sich nur in seiner näheren Umgebung umschauen müssen, etwa im Fall der Ursula von der Leyen. Soeben hat der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses zur Bundeswehrberateraffäre auf 75 Seiten festgestellt, dass die damalige Verteidigungsministerin „kaum eine Entscheidungsvorlage zu den untersuchten Vorgängen selbst gezeichnet“ habe. Es seien zwar Fehler passiert, aber diese hätten sich „unter ihrer Ebene“ abgespielt. Politische Gesamtverantwortung? Fehlanzeige!

Hätte sich der gute Philipp doch nur ein klein wenig geduldet – und erst einmal Karriere gemacht. So aber hat der einfache Abgeordnete Amthor nun partout niemanden, auf den er seine Verfehlung abschieben könnte. Und seine neuen Buddies werden ihm jetzt sicher auch nicht helfen.

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