Ausgabe Juni 2020

Normale Anomalie

Die Coronakrise als Zäsur und Chance

Die Coronakrise hält die Welt in Atem und verändert das Leben in rasendem Tempo. Vermeintlich fest verankerte Gewiss- und Gewohnheiten werden über Bord geworfen, Grundrechte und -regeln außer Kraft gesetzt, in Friedenszeiten historisch beispiellose und für Nachkriegsgenerationen eigentlich undenkbare Restriktionen individueller Freiheiten von den staatlichen Exekutiven beschlossen. Fest steht: Die Coronakrise ist eine neu- und einzigartige Krise. Dabei sind Krisen in modernen kapitalistischen Gesellschaften eigentlich nichts Außergewöhnliches, ganz im Gegenteil: Krisen sind in der Moderne geradezu omnipräsent. Aufgrund der Allgegenwart des Krisenbegriffs hat der Historiker Reinhart Koselleck einst sogar behauptet, dass sich die Krise „zur strukturellen Signatur der Neuzeit“ entwickelt habe.[1]

Tatsächlich gibt es wohl keinen anderen Begriff, der den öffentlichen Diskurs in vergleichbarer Weise prägt. Krisendiagnosen haben eine gewissermaßen permanente Konjunktur. Fortlaufend werden Ereignisse und Entwicklungen als krisenhaft beschrieben, der Krisenbegriff wird geradezu inflationär verwendet. Dafür gibt es zwei, eigentlich höchst widersprüchliche Gründe: Einerseits besitzt das Etikett der Krise als metaphorisches Instrument das Potential, pointiert und alarmierend auf gesellschaftliche Problemlagen aufmerksam zu machen.

Juni 2020

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Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

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