Ausgabe Oktober 2020

Preußens rote Socken

Kaiser Wilhelm II

Bild: Public Domain

„I believe the best would be gas?“ Diese Überlegung stellte Wilhelm II. an, als er 1927 darüber sinnierte, dass „Presse, Juden und Mücken“ eine Pest seien und wie man sich von ihr befreien könnte. Pointiertes Gedankengut, das humorlose Sowjets nach 1945 prompt dazu veranlasste, die stolzen Hohenzollern zu enteignen.

Doch nun will Stammhalter Georg Friedrich Prinz von Preußen seine Schlösser, Kohle und Kunstschätze endlich wiederhaben. Also schickt er sich an nachzuweisen, dass seine Familie mit dem Aufstieg der Nazis nicht mehr zu tun hatte als jeder andere. Über ein bisschen Gas, das Mücken oder Juden vertreibt, dachten damals schließlich Hinz und Kunz nach. Dass Kronprinz Wilhelm den „genialen Führer“ für „gewisse Aufräumarbeiten“ unter Juden lobte – geschenkt. Wer sich wie die preußische Elite der urdeutschen Tugend der Ordnung verpflichtet fühlt, muss halt aufräumen.

Gewiss, es gab da so einige braune Schafe, wie etwa Prinz August Wilhelm, SA-Gruppenführer und „Reichsredner“ Hitlers mit eigens vordatierter NSDAP-Mitgliedsnummer. Doch völlig unbedeutend, denn wir sollten dass Entscheidende nicht vergessen – nämlich dass Hitler gewählt wurde, und zwar zum Schaden der edlen Herren. Das Volk höchstselbst hatte den Führer erkoren und zerplatzt waren alle monarchistischen Träume. Wie schon 1918 war den Hohenzollern der „große Lümmel“ in die Quere gekommen.

Oktober 2020

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