Ausgabe März 2021

Die Chimäre der Klimaneutralität

Über die entlastende Wirkung eines neuen Mantras

Grüne Null auf schwarzem Grund (Blätter)

Bild: Blätter

Wer bietet mehr, wer hat noch nicht: Auf der klimapolitischen Weltbühne ging es in den letzten Monaten zu wie auf einer Auktion. Gegenstand der Begierde: die Klimaneutralität. Die EU will sie bis 2050, Großbritannien, Kanada, Japan und Südkorea ebenso. Und was war der Jubel groß, als der neue US-Präsident Joe Biden ankündigte, die USA ebenfalls ab 2050 klimaneutral wirtschaften lassen zu wollen. Nur China lässt sich etwas länger Zeit: Erst 2060 soll die „Netto-Null“ stehen, neben Treibhausgasneutralität das Synonym für Klimaneutralität. Und mit diesem Ziel stehen die Staaten nicht allein: Schon vor längerer Zeit sind Unternehmen, Ölmultis, Versicherer, Finanzkonzerne und Kommunen auf den Zug der Klimaneutralität aufgesprungen. Es gibt klimaneutrale Milch im Supermarkt, es kann klimaneutral getankt werden und selbstverständlich werden die online bestellten Waren klimaneutral zugestellt. Binnen kürzester Zeit ist der Begriff der Klimaneutralität zu dem prägenden Wort des Klimadiskurses avanciert, das wie ein Mantra völlig unreflektiert vor sich hingebetet wird – jetzt sogar von der SPD in ihrem Wahlkampfslogan „Sozial. Digital. Klimaneutral“.

Dieser muntere Bekenntnis-Reigen dürfte entscheidend von den neuen klimapolitischen Bewegungen Fridays for Future und Extinction Rebellion mitangestoßen worden sein. Auch sie streben Netto-Null-Emissionen an, allerdings schon bis 2035 beziehungsweise 2025.

März 2021

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Druckausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2021

In der März-Ausgabe diskutieren »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik, der Botschafter a.D. Shimon Stein, der Historiker Moshe Zimmermann und der Philosoph Omri Boehm über die aktuelle Lage in Israel und Utopien in Nahost. Die Publizistin Susanne Kaiser beleuchtet die frauenfeindliche Gedankenwelt der Maskulinisten – und ihre gewaltsamen Folgen. »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert, wie der Springer-Konzern von rechts gegen die Regierung mobilmacht. Und der Journalist Guido Speckmann entlarvt die »Klimaneutralität« – das neue Mantra des globalen Klimaschutzes – als leeres Versprechen zum Erhalt des fossilkapitalistischen Status quo.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Gamestop oder: Der letzte Warnschuss

von Wieslaw Jurczenko

Vor wenigen Wochen haben vermutlich selbst jene Menschen, die regelmäßig in Wertpapiere investieren, zum ersten Mal von der Aktie des Unternehmens Gamestop gehört. Größere Aufmerksamkeit erhielt die US-amerikanische Einzelhandelskette meist nur dann, wenn sie wieder einmal hunderte Filialen dichtmachen musste. Umso überraschender fiel die gewaltige Kursexplosion der Unternehmensaktie zu Jahresbeginn aus: Innerhalb weniger Tage stieg deren Wert um mehr als 2000 Prozent an.