Ausgabe Januar 2022

Erdoğans Endspiel

Wechselstube in Istanbul, 1.12.2021 (IMAGO / NurPhoto)

Bild: Wechselstube in Istanbul, 1.12.2021 (IMAGO / NurPhoto)

Recep Tayyip Erdoğan – oder „Rais“, der Führer, wie ihn seine Anhänger nennen – ist wiederholt für politisch tot erklärt worden. Sei es während des Aufstandes der Jugend im Gezi-Park 2013, sei es nach den von der Gülen-Sekte aufgedeckten Korruptionsskandalen ein Jahr später, in die auch Erdoğans Familie verwickelt war, oder nach dem Putschversuch im Sommer 2016. Doch ausgerechnet immer dann, wenn sich Erdoğan in einer scheinbar ausweglosen Situation befand, lief er zu großer, machiavellistischer Form auf und ließ seine Gegner über die Klinge springen. Aus jeder Krise, so scheint es, geht Erdoğan gestärkt hervor. Man sollte deshalb vorsichtig sein, wenn man den Anfang vom Ende seiner mittlerweile knapp 19 Jahre währenden Herrschaft prognostiziert – und dennoch: Das Endspiel für Erdoğan hat bereits begonnen.

Der offensichtlichste Hinweis dafür sind seine schlechten Umfragewerte. Sowohl seine Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) als auch er selbst erhalten seit Monaten Zustimmungswerte von höchstens dreißig Prozent, teilweise landen sie bereits darunter. Insgesamt liegt das Regierungsbündnis aus AKP und der rechtsradikalen MHP in den Umfragen deutlich hinter dem Oppositionsbündnis. Das gab es seit dem Wahlsieg der AKP im Herbst 2002 noch nie. Gewiss, Umfragewerte sind Momentaufnahmen und können sich schnell wieder ändern.

Januar 2022

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema