Ausgabe Januar 2022

Wo die Hölle Pause macht

Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Bild: Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Geschichte erzählt Emine Sevgi Özdamar von unten, dort wo der Preis gezahlt wird für die große Historie. Das tut Özdamar selbst dann, wenn sie auf dem Höhenkamm mit großen Künstlern wandert. Ihr Leben zickzackt dorthin, wo die Hölle gerade mal Pause macht. Wo kein Krieg ein „großes Festmahl für Würmer“ auftischt oder ein Diktator bestimmt. Unter ihren Füßen fühlt sie das vergossene Blut aus der Zeit, als an ihrem jeweiligen Wohnort die Hölle tobte. Sie sieht die Bombenlücken im geteilten Berlin oder spürt die Anwesenheit der ermordeten Armenier in der Türkei.

Wie im Märchen ist die Welt in ihrem neuen Buch „Ein von Schatten begrenzter Raum“ vermenschlicht: Die Moskitos singen im Chor, Krähen sprechen, ebenso die „Orthodoxkirche“ in der Türkei, die nur ab und zu von Griechen besucht wird, die das Glaubenshaus ihrer vertriebenen Vorfahren sehen wollen. Auch die Gefallenen aus den Kriegen und Massakern sprechen, etwa der Soldat mit dem Kopf unterm Arm. „Orientalisch“ nennt man das zuweilen, mir erscheint es exemplarisch für viele Geschichten von den Rändern, die man in einigen Vierteln in den Metropolen hört. Aus Erzählungen aus der schlesischen Heimat meiner Vorfahren mütterlicherseits kenne ich das oder – für alle nachzulesen – aus den Büchern der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, die in Niederschlesien spielen.

Januar 2022

Sie haben etwa 16% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 84% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema