Ausgabe Dezember 2024

USA: Männer auf Zerstörungskurs

Ein Biker und Trump-Supporter in West Palm Beach, Florida, 21.3.2024 (IMAGO / ZUMA Press Wire / Dominic Gwinn)

Bild: Ein Biker und Trump-Supporter in West Palm Beach, Florida, 21.3.2024 (IMAGO / ZUMA Press Wire / Dominic Gwinn)

Unser Fehler war es zu glauben, wir lebten in einem besseren Land, als wir es tun. Unser Fehler war es, die Freude, das außergewöhnliche Gleichgewicht zwischen Idealismus und Pragmatismus, die Energie, die Großzügigkeit und die Koalitionsbildung der Harris-Kampagne zu sehen und zu denken, dass sie über die Politik der Lügen und Ressentiments triumphieren müsse. Unser Fehler war es zu glauben, dass Rassismus und Frauenfeindlichkeit nicht so schlimm seien, wie sie sind, egal ob es darum ging, wer bereit war, für eine äußerst qualifizierte schwarze Frau zu stimmen, oder wer bereit war, für einen verurteilten Vergewaltiger und Verbrecher zu stimmen, der Hitler bewundert. Unser Fehler war zu glauben, wir könnten dieses Boot über den sauren See rudern, bevor die Säure es auflöst.

Wir wussten, wo die Probleme lagen, und wir wollten sie lösen. Die Hauptprobleme, die uns zu diesem düstersten Moment in der amerikanischen Geschichte geführt haben, sind miteinander verwoben. Es sind die Krise der Männlichkeit, das Versagen der Medien und der Aufstieg des Silicon Valley, und in gewisser Weise sind sie alle das gleiche Problem.

Die Medien sind vielleicht am einfachsten zu beschreiben. Eine Demokratie erfordert eine informierte Bürgerschaft, und die US-Medien haben vor allem in den letzten acht Jahren eine zunehmend fehlinformierte Bürgerschaft geschaffen. Wenn die Menschen mehr darüber besorgt sind, dass ein transsexuelles Mädchen in einem Softball-Team spielen könnte, als darüber, dass die Klimakrise einen Großteil des menschlichen und sonstigen Lebens zerstören könnte, haben die Medien versagt. Wenn die Menschen sich Sorgen über die Kriminalität machen, wenn sie niedrig ist, über die Wirtschaft, wenn sie floriert, und über Einwanderer, wenn sie einen Großteil der harten Arbeit leisten, die diese Wirtschaft erhält, und weniger Straftaten begehen als die Einheimischen, dann haben die Medien versagt.

Donald Trump haben sie geschont und die extreme Rechte immer wieder die Tagesordnung bestimmen lassen. Sie behandelten ständig asymmetrische Themen als symmetrische – wenn die Demokraten sich gegen republikanische Ungeheuerlichkeiten wehrten, waren beide Seiten „polarisiert“. In den Medien hatte alles zwei Seiten, auch wenn eine Seite die Wahrheit und die andere die Lüge war, eine Seite die Menschenrechte oder das Gesetz und die andere Seite deren Verletzung. Sie haben Trumps Kriminalität und Inkompetenz verharmlost, und seine schiere Menge an Skandalen führte dazu, dass die vergangenen Skandale vergessen wurden, wenn der nächste ausbrach.

Er hätte seinen Minderheitensieg 2016 nicht errungen, wenn die US-Medien angemessen vermittelt hätten, dass Trump nicht die lustige fiktive Figur in der Reality-TV-Show „The Apprentice“ war. Er war ein serienmäßig bankrotter Mann, dem wiederholt sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, mit vielen kriminellen Verbindungen, der von Wladimir Putins Regime unterstützt wurde, das seinerseits das Informationsumfeld der Wahl bedeutend verzerrt hatte. Natürlich hat das Putin-Regime mit seinen Hackerangriffen und Leaks, seinen Troll-Farmen, die Unfrieden stiften und Fehlinformationen verbreiten, Schwachstellen ausgenutzt, die das Silicon Valley geschaffen hatte und an deren Behebung es nicht interessiert war, solange die Gewinne sprudelten. Das Silicon Valley ist das Produkt von weißen Männern und vielleicht, weil die immens reichen Titanen dieser Industrie anfangs harmlose Nerds zu sein schienen, oder vielleicht, weil die US-Regierung zu der Zeit, als die Megakonzerne entstanden, so neoliberal war, wurden sie nie in Schach gehalten, als sie begannen, die Welt zu dominieren.

Die Krise der Männlichkeit

Die „Sozialen Medien“ tauchten wie ein Schwarm Haie im Informationspool auf und begannen, die wirtschaftliche Basis der Mainstream-Medien zu verschlingen und die Filtersysteme zu untergraben, die die Verbreitung von Hass, Lügen und Desinformationen eingeschränkt hatten. Aber das Bild eines Informationspools unterschätzt, wie sehr Social Media das Bewusstsein selbst verändert haben, wie süchtig machend und verzerrend sie sind, wie sie Werte, Gefühle und Überzeugungen manipulieren. Junge Männer scheinen besonders anfällig für diese Angebote zu sein. In vielen dunklen Ecken des Internets rekrutieren Influencer und Incel-Subkulturen sie für Frauenfeindlichkeit und weiße Vorherrschaft, für Antisemitismus und Verschwörungstheorien, und mehr noch, sie werden verunsichert, destabilisiert und isoliert.

Die „Make America Great Again“-Rechte mit ihrer Gleichgültigkeit gegenüber den normalen Fragen der guten Regierungsführung und ihrer Beschäftigung mit Clickbait-Ablenkungen ist ein Online-Monster, und es ist ihr gelungen, eine wütendere, aggressivere Form der Männlichkeit zu schaffen, eine, die mehr davon überzeugt ist, die Erniedrigung und Beherrschung von Frauen sei wesentlich für ihre Identität, ob in Pornos oder in Trumps Wunschvorstellungen, dass Liz Cheney vor ein Erschießungskommando und Kamala Harris gegen Mike Tyson in den Boxring gestellt werden sollte. Die endlosen Memes von Trump als Rambo, Retter und Jesus zeigen, wie sehr sich die verlorenen Jungs und MAGA-Frauen einen autoritären Anführer wünschen, und die Tatsache, dass sie einen solchen aus dem körperlich und geistig erbärmlichen Trump machen können, ist ein Zeugnis für die Macht der von der Technik angeheizten Fantasie.

Natürlich treffen Silicon Valley, Medien und die Krise der Männlichkeit in Elon Musk zusammen, der sein Eigentum an Twitter und seinen ungeheuren Reichtum nutzte, um Trumps Kampagne voranzutreiben, und der offenbar die Macht hinter dem Thron sein will. Musk tritt selbst zunehmend ungehemmt und rechtsextrem auf. Auch zwei andere Trump nahestehende Männer gebärden sich zunehmend wahnhaft – Tucker Carlson mit seinen jüngsten Behauptungen, von Dämonen angegriffen worden zu sein, und Robert F. Kennedy Jr. mit seinen irrationalen Tiraden über die Fluoridierung von Trinkwasser und seinen rassistischen Behauptungen über Covid-19. J.D. Vance, ein ehemals mäßig erfolgreicher Risikokapitalgeber, wurde von Silicon-Valley-Oligarchen als Trumps Vizepräsident auserkoren und scheint selbst zu einem Rechtsextremen mit einer Besessenheit für Gebärzwang geworden zu sein.

Sie alle wirken wie zutiefst beschädigte Menschen, und sie sind gekommen, um alles andere zu beschädigen, einschließlich des Klimas, der Menschenrechte, insbesondere der Rechte von Frauen, Trans-Personen und Einwanderern, und der US-Wirtschaft. Der Rest von uns und der Rest der Welt werden die Aufräumarbeiten übernehmen müssen, denn Männer wie diese räumen nie hinter sich auf.

© The Guardian

Übersetzung: Ferdinand Muggenthaler

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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