Ausgabe November 2024

»Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin«

Heimat als Sehnsuchtsort und Kampfbegriff

Ein Mann mit DDR-Fahne und Deutschland-Schal. Auf der Fahne ist das Wort »Heimat« zu lesen, 1.7.2023 (IMAGO / BildFunkMV)

Bild: Ein Mann mit DDR-Fahne und Deutschland-Schal. Auf der Fahne ist das Wort »Heimat« zu lesen, 1.7.2023 (IMAGO / BildFunkMV)

Wenn sich die in der Tradition des Nationalsozialismus stehende NPD in „Die Heimat“ umbenennt und die neue, von der AfD dominierte ostdeutsche Jugendbewegung auf Plätzen und im Fußballstadion lautstark „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ skandiert, dann belegt dies, dass der Aufstieg der Rechten viel mit dem Bedürfnis nach, aber auch mit dem Kampf um Heimat zu tun hat. „Heimat“ – ein schönes deutsches Wort, das mit diesem speziellen, gefühlsaufgeladenen, fast romantisch-innigen Bedeutungshof kaum in andere Sprachen übersetzbar ist. Der Begriff dient der Verortung in der Welt und zeigt immer auch Gruppenzugehörigkeit an. Wird er in den Rahmen der Nation gestellt, dient er zudem oft als abgrenzender Kampfbegriff. Speziell für die 68er-Generation in Ost und West, von der hier vor allem die Rede sein wird, war Heimat eher ein Unwort und dies nicht zu Unrecht. Denn nach zwölf Jahren Nationalsozialismus war der Begriff im dann geteilten Deutschland vergiftet, und zwar durch die vorangegangenen Taten der Deutschen selbst, die sich nun in den Trümmern des vermeintlich „Tausendjährigen Reiches“ wiederfanden.

Der Philosoph Christoph Türcke vertritt die Auffassung, dass nach der Austreibung aus der ersten Heimat, dem Mutterleib, die Kindheit mit ihren familiären Prägungen, ihren Orten und Landschaften, ihren Farben und Gerüchen zur zweiten Heimat wird.[1] Und diese zweite Heimat der Kindheit war nach 1945 eine sehr verschiedene in Ost und West.

»Blätter«-Ausgabe 11/2024

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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