Ausgabe Mai 1990

Chemiewaffenfrei?

Und die ihn früher verfolgten, rühmten sich später damit nicht ohne Grund: sie waren seinen Spuren gefolgt. Dieser Aphorismus des polnischen Satirikers Lec geht mir seit dem 7. März nicht mehr aus dem Kopf - seit dem Tag, an dem amerikanische und deutsche Militärs im Chor mit dem rheinland-pfälzischen Innenminister in Clausen erklärten, daß alle amerikanischen C-Waffen zwischen Juli und September abgezogen würden. Zehn Jahre hindurch bin ich als unpatriotischer Defaitist, als antiamerikanischer NATO-Feind, jedenfalls aber als unverschämter Friedensquerulant beschimpft worden, wenn ich verlangte, daß das barbarische Massenvernichtungsmittel Giftgas vom Boden der Bundesrepublik verschwinden müsse. Viele von denen, die sich heute die Rosen des Abrüstungserfolges ans Revers stecken, haben mir gestern noch die Dornen durchs Gesicht gezogen. Mal leugnete der Ministerpräsident, daß es amerikanisches Giftgas in der Pfalz gebe. Als es nichts mehr zu leugnen gab, erklärten Bundeswehr und NATO-Führung, das amerikanische Giftgas sei zur Abschreckung der bösen Feinde notwendig; ja, es existiere sogar eine Giftgaslücke. Das vorletzte internationale Anti-GiftgasForum des DGB in der Mainzer Universität fand ausdrückliche Erwähnung im Verfassungsschutzbericht der Landesregierung.

Mai 1990

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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