Ausgabe März 1991

Ordnungsmacht Türkei

Die Kriegsziele des Turgut Özal

Der Golfkrieg hatte noch nicht begonnen, da wurden bereits die ersten "claims" abgesteckt für den Tag danach. Am deutlichsten hat die türkische Regierung unter Staatspräsident Özal, mehr oder weniger unverblümt, ihre Ansprüche angemeldet, wenn es nach dem erwarteten Sieg über Saddam Hussein an die Verteilung der Beute geht (nachdem sie zuvor das eigene Land eiligst zum zweiten Aufmarschgebiet der "Alliierten" und damit zur Zielscheibe Saddams gemacht hatte). "Die Türkei will beim Siegesmahl mit am Tisch sitzen und nicht auf der Speisekarte stehen", wurde ein Kabinettsmitglied in Ankara zitiert 1).

Und auch, auf welches Filetstück Özal besonderen Appetit hatte, blieb nicht verborgen: von einer "vergrößerten" Türkei war die Rede, in der auch die irakischen Kurden ein Zuhause finden könnten 2) - kein Zweifel, jene mehrheitlich von Kurden bewohnte, ölreiche irakische Provinz war gemeint, die einst als Vilayet (Verwaltungsbezirk) Mossul Teil des Osmanischen Reiches war. Und es blieb nicht bei territorialen Wünschen. Ankara signalisierte zugleich auch hegemoniale Ansprüche: die Türkei, so hieß es, werde nach dem Krieg zu einer "neuen Ordnungsmacht" 3) im Nahen Osten. Der selbsternannte, neue starke Mann am Bosporus löste mit seinen großmäuligen Tönen bei den Nachbarn Unruhe aus.

März 1991

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.