Ausgabe Oktober 1991

Ukraine, die neue Nummer zwei

Wie überall in den Republiken hat der gescheiterte Putsch auch in der Ukraine zu plötzlichen und dramatischen Verschiebungen der politischen Situation geführt. Am 24. August beschloß der ukrainische Oberste Sowjet, die Unabhängigkeit des Landes zum Gegenstand eines für den 1. Dezember geplanten Referendums zu machen; am gleichen Tag sollen Präsidentschaftswahlen stattfinden. Die Tätigkeit der Kommunistischen Partei wurde zunächst ausgesetzt, anschließend wurde sie aufgrund von Beweisen, daß ihre Führung die Putschisten in Moskau unterstützt hatte, komplett verboten.

Nach der Selbstauflösung der kommunistisch dominierten Parlamentsmehrheit haben sich die Machtverhältnisse zugunsten der demokratischen Kräfte verschoben, die sich, trotz vorhandener Differenzen in taktischen Fragen, über das grundlegende Ziel völliger Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit einig sind. Was die Ukraine von anderen Republiken unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie, bei fast 52 Millionen Einwohnern, die zweitgrößte Republik der Union ist, mit einem Territorium größer als Frankreich. Kiew, die ukrainische Hauptstadt, besitzt die doppelte Einwohnerzahl Estlands, und allein die Region Lwow (Lemberg), eine von 25 ukrainischen regionalen Verwaltungseinheiten, ist bevölkerungsreicher als ganz Litauen.

Oktober 1991

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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