Ausgabe Oktober 1991

Ukraine, die neue Nummer zwei

Wie überall in den Republiken hat der gescheiterte Putsch auch in der Ukraine zu plötzlichen und dramatischen Verschiebungen der politischen Situation geführt. Am 24. August beschloß der ukrainische Oberste Sowjet, die Unabhängigkeit des Landes zum Gegenstand eines für den 1. Dezember geplanten Referendums zu machen; am gleichen Tag sollen Präsidentschaftswahlen stattfinden. Die Tätigkeit der Kommunistischen Partei wurde zunächst ausgesetzt, anschließend wurde sie aufgrund von Beweisen, daß ihre Führung die Putschisten in Moskau unterstützt hatte, komplett verboten.

Nach der Selbstauflösung der kommunistisch dominierten Parlamentsmehrheit haben sich die Machtverhältnisse zugunsten der demokratischen Kräfte verschoben, die sich, trotz vorhandener Differenzen in taktischen Fragen, über das grundlegende Ziel völliger Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit einig sind. Was die Ukraine von anderen Republiken unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie, bei fast 52 Millionen Einwohnern, die zweitgrößte Republik der Union ist, mit einem Territorium größer als Frankreich. Kiew, die ukrainische Hauptstadt, besitzt die doppelte Einwohnerzahl Estlands, und allein die Region Lwow (Lemberg), eine von 25 ukrainischen regionalen Verwaltungseinheiten, ist bevölkerungsreicher als ganz Litauen.

Oktober 1991

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.