Ausgabe November 1991

Das erste Lehrjahr West

"Es kommen bessere Zeiten", lautet seit Monaten die frohe Botschaft, und wie nicht anders zu erwarten zeigt sich, daß manche wirklich ihr Glück gemacht haben. Wer allerdings heute das Wort Glück ausspricht, meint schon lange nicht mehr die Urlaubsreise in der Hochsaison oder den trickreich vorfristig erworbenen hellgrünen Trabi. Wenn es stimmt, dann sind weit über 60% der Reiselustigen im Osten in diesem Sommer nirgends hingefahren, die neuen Autos müssen abgezahlt werden.

Seit einem Jahr sind wir aus dem Stadium der abgeschotteten Kindheit fast unvorbereitet auf das ungeschützte Kampffeld von Erwachsenen geraten. Hier geht es um Chancen, um Arbeit, um Miete zahlen und nicht wesentlich schlechter leben zu können als bisher. Jetzt, so scheint es, ist jeder selbst an seinem Unglück schuld. Nach einem Jahr Einheit fällt mir wenig Originelles zu diesen zwölf Monaten ein. Jener Kraftakt, der vor noch nicht allzu langer Zeit im Taumeln und Widersprechen begonnen hatte, ist längst nicht zu seinem Höhepunkt gekommen.

November 1991

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema