Ausgabe April 1992

Das politische System Italiens in der Krise

Am 5./6. April finden in Italien um zwei Monate vorgezogene Neuwahlen statt. Die beiden Kammern - Abgeordnetenhaus und Senat werden erneuert. Der Kampf um die rund tausend Parlamentssitze ist mit einer Schärfe entbrannt, wie sie das Land seit 1948 nicht mehr gesehen hat. Damals - zwei Jahre nach Ausrufung der Republik Italien am 2. Juni 1946 - hieß die inoffizielle Alternative: Mit den Christdemokraten in den Westen und in die Freiheit oder mit Sozialisten/Kommunisten in den Osten und in die Tyrannei. Heute sucht die Democrazia Cristiana nach einer modernen Variante für diese Alternative.

Doch seit die Geschichte über deren Ausgang schon entschieden hat, ist es schwierig, außer einem remake eine adäquate Version zu finden. Und während sich die oppositionellen Lager mit geheimen Dossiers aus der und über die Vergangenheit bekämpfen, geht das Land der schwersten institutionellen Krise nach Kriegsende entgegen. Italien befindet sich in einer Umbruchphase. Das gesellschaftspolitische System, das im Namen des Antifaschismus nach 1945 aufgebaut und dann im Zeichen des Antikommunismus verfestigt wurde, ist brüchig geworden. Wann es zerfallen wird, ist nur eine Frage der Zeit. Was danach kommt, ist nicht einmal in Umrissen sichtbar.

Das politische System zerfällt

Die Symptome dieses Zerfalls gehen seit geraumer Zeit mal mehr, mal weniger spektakulär durch die Medien.

April 1992

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema