Ausgabe Mai 1992

Die unbekannte Großmacht

Die Staatwerdung der Ukraine im Streit mit Rußland

Entstehende Nationalstaaten streben zuallererst nach Sicherung des äußeren und inneren Machtmonopols, sofern nicht stärkere Mächte sie daran hindern. Die Ukraine bietet dafür geradezu klassischen Anschauungsunterricht. Leonid Krawtschuk erhob schon als Präsidentschaftskandidat die "djerschawnost", die Staatsmächtigkeit der Ukraine, zur obersten Maxime seiner Politik 1). Als vordringlich gilt es, eine eigene Armee mit allen Waffengattungen zu schaffen. Im Zwist um die Teilung des Sowjeterbes werden die militärische Rangordnung und der ökonomische Status vorentschieden. Beliebt ist in der Ukraine der Vergleich der eigenen internationalen Rolle mit der Frankreichs, vorläufig allerdings mit einer gravierenden Eigenheit: die Ukraine strebt "Neutralität" und "Atomwaffenfreiheit" an.

Ökonomischer Strukturwandel, ökologische Vorsorge und Entsorgung, soziale Wohlfahrt, technologische Innovationsfähügkeit, europäische Integration - die gegenwärtig hervorstechendsten Themen ukrainischer Staatspolitik sind dies nicht. Im Unterschied zu den baltischen Staaten hat die Ukraine nicht den Abzug der Sowjettruppen gefordert, sondern sie nationalisiert. Um die Atomwaffen, die Schwarzmeerflotte sowie die "strategischen" Streitkräfte wird seither mit Rußland gestritten.

Mai 1992

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