Ausgabe Juni 1992

Die neuen Verteilungskonflikte

Eine Herausforderung des Föderalismus

"... die Gleichheit und Gerechtigkeit wollen, sind immer die Schwächeren, während die Stärkeren sich über diese Dinge keinen Kummer machen." (Aristoteles)

1. Die Überforderung der "Wohlstands-Maschine" 1)

Die neue Bundesrepublik ist ein Land der zwei Geschwindigkeiten: Im Westen ein relativ hohes - wenngleich sich deutlich abschwächendes - Wirtschaftswachstum, im Osten dagegen weitere Desindustrialisierung und ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Menschen in Ost und West sind noch weit von einer Gleichheit der Lebensverhältnisse, wie sie das Grundgesetz postuliert, entfernt. Der Druck der Vereinigungsdynamik hat indessen bislang nur die östliche Lebensweise zur Veränderung getrieben, während im Westen (noch) die gewohnten Rituale in Gesellschaft und staatlichen Politiken fortexistieren. Die wirtschaftliche und soziale Dichotomie offenbart aber auch einen neuen Verteilungskonflikt in Deutschland, der sich nun in eigentümlicher Weise mit den traditionellen Verteilungsauseinandersetzungen verbindet. Deutlich wurde dies jedoch erst, als niemand mehr leugnen konnte, daß die Transformation der östlichen Wirtschaft nicht einfach aus den Wachstumsgewinnen in der alten Bundesrepublik oder gar den Gewinnen aus dem Einigungsprozeß selbst zu finanzieren ist.

Juni 1992

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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