Ausgabe Mai 1993

Frankreich: Neue Gesichter von gestern

Im vergangenen Winter saß ich in der Eisenbahn mit Ziel Paris. Mitten in Lothringen hielt der Zug in einem für mich bis dahin unbedeutenden Ort. Und er hielt länger als gewohnt. Nach etwa 15 Minuten sprach der Fahrdienstleiter durch den Lautsprecher, daß der Eurocity nach Paris in Bar-le-Duc mindestens eine Stunde Aufenthalt habe. "Unvorhergesehener Stop" lautete die zunächst wenig aussagekräftige Information. Minuten später entstand Lärm auf dem Gang meines Wagens. Ein Trupp von Kohle- und Stahlarbeitern, mit Schutzhelmen und Berufskleidung bewehrt, zog durch die Waggons und verteilte Flugblätter. "Lothringen - was wird aus deinen Industrien?" fragten die Mineurs die Pariser Regierung. Sie klagten die ferne sozialistische Staatsführung an, 60 000 Arbeitsplätze in der Eisen- und Stahlindustrie und weitere 11 000 im Kohlesektor vernichten zu wollen.

Nachdem man hier in Lothringen nach der verheerenden Kriegszeit für ein halbes Jahrhundert die Speerspitze (fer de lance) des wirtschaftlichen Wiederaufstieges gewesen sei, würden die Basisindustrien heute ohne Rücksicht auf Verluste vernichtet.

Mai 1993

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.