Ausgabe Oktober 1993

Balkan: Anerkennung der neuen Realitäten?

I

Hinsichtlich der Kriege im ehemaligen Jugoslawien und schon gar der Zukunft des Balkans stellen sich derzeit mehr Fragen, als Antworten bzw. verläßliche Prognosen gegeben werden können. Ein überwältigender militärischer Sieg der einen oder anderen Kriegspartei ist relativ unwahrscheinlich, und deshalb ist nicht zu erwarten, daß sich aus den militärischen Auseinandersetzungen eine klare Hegemonialstruktur, die für den gesamten Balkan von Bedeutung sein könnte, herausbilden wird. Wahrscheinlicher ist eine militärische Pattsituation zwischen Serben und Kroaten, die sich möglicherweise in eine politische Gleichgewichtslage übersetzen wird. Vielleicht wird der Konflikt einfach noch lange dahinschwelen: Er würde dann in der Tendenz jenem Konflikttypus sich annähern, der in der wissenschaftlichen Literatur als "protracted conflict" bezeichnet wird, also als langanhaltender und in absehbarer Zeit nicht zu lösender Konflikt. Im Hinblick auf die letzte Variante wird vielfach auf Ermüdungserscheinungen und die schließliche Erschöpfung der Kriegsparteien gehofft. Der Verlust an Kampfmotivation, sich anbahnende ökonomische Desaster sowie der Zusammenbruch der "Heimatfronten" werden als hilfreich für eine beschleunigte Erosion des Kriegsgeschehens genannt. Die Zeitperspektive bleibt dabei meist offen.

Oktober 1993

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