Ausgabe Januar 1994

Bewegung in Frankreich

Hätte mich die Redaktion vor zwei Monaten aufgefordert, einen Situationsbericht über Frankreich zu schreiben, wäre meine generelle Linie klar gewesen: soziale Bewegungen schienen in unserem Nachbarland nicht zu erwarten. Die konservative Vier-Fünftel-Mehrheit der Neogaullisten (RPR) und der Liberalen (UDF), resultierend aus den Parlamentswahlen des vergangenen Frühjahrs, schien das politische Leben Frankreichs auf Spekulationen über die Höhe der Privatisierungserlöse Balladurs und auf die Tiefe der Einschnitte in das soziale Netz zu beschränken. Die beiden Linksparteien PS (Sozialdemokraten) und PCF (Kommunisten) schienen von ihrer epochalen Niederlage erdrückt und mit ihren eigenen, hausgemachten Problemen beschäftigt. Bei den Kommunisten ging und geht es um die Nachfolge Georges Marchais' und um damit zusammenhängende mögliche PolitikKorrekturen.

Der Parti Socialiste bemüht sich um die Inszenierung Michel Rocards als Führer einer neuen linken Sammlungsbewegung und als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 1995. Frankreichs Gewerkschaftsbewegung ist mittlerweile in Europa die Trägeren der roten Laterne, was den Organisationsgrad der abhängig Arbeitenden anbelangt.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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