"Kein anderes Ereignis meiner Zeit als Außenminister bewirkte ein so tiefes Nachdenken über die von Emotionen geprägte, komplexe und komplizierte Rolle Deutschlands in Vergangenheit und Gegenwart und über die Beziehungen Deutschlands zur übrigen Welt wie die Kontroverse über Präsident Reagans Besuch in Bitburg 1985." So beginnt - mit der lakonischen Überschrift "Bitburg" - das längste Kapitel der Erinnerungen, die George P. Shultz kürzlich unter dem Titel "Turmoil and Triumph. My Years as Secretary of State" veröffentlicht hat. Der seinerzeitige Chef der amerikanischen Diplomatie faßt in seiner minuziösen Ablaufschilderung die international unvergessene "lesson of Bitburg" zusammen: Was jemandem passieren kann, und sei er auch Präsident oder Außenminister der USA, wenn er sich auf den Historiker Kohl und seine Konzeption von "Versöhnung" einläßt. Die diesjährigen Debatten, Vorstöße und halben Rückzüge von Omaha Beach über Weimar und Berlin bis zu den Londoner "Schlußstrich"-Plänen für den 8. Mai 1995 (vgl. den Beitrag von Helmut Ridder in diesem Heft) demonstrieren, daß die Lektion von Bitburg keineswegs verarbeitet, keine abgeschlossene Geschichte ist.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.