Ausgabe Oktober 1995

Überholen ohne einzuholen

Deutsche Gründungserzählungen im Leistungsvergleich (Blätter-Gespräch)

In diesen Tagen feiert die erweiterte Bundesrepublik von Amts wegen den 5. Jahrestag des DDR-Beitritts. Wie wenig Einheit "die Einheit" seit jenem 3. Oktober 1990 in den Köpfen gestiftet hat, signalisieren im Herbst 1995 drastisch genug Tonlage und Argumentationsmuster der politischen Verdammungsurteile, auf die Günter Grass mit seinem Versuch einer literarischen Bewältigung des Themas - wahrlich "Ein weites Feld" - gestoßen ist. "Überholen ohne einzuholen" lautete das Rezept, das Walter Ulbricht der DDR verschrieb, als die Aussichtslosigkeit der seinerzeitigen Ost-West-"Aufholjagd" unübersehbar wurde. Was für die Schwierigkeiten der DDR im Umgang mit dem "Wirtschaftswunder" stehen mag, ließe sich reziprok auf das Verhältnis der Bundesrepublik zur "Bewältigung" der NS-Vergangenheit übertragen.

Die "Blätter" haben sich in den letzten Heften mit einer Reihe von Beiträgen um Antworten auf die Frage bemüht, was mit Blick auf die säkulare Zäsur von 1945 - aus der Tatsache folgt, daß nach Selbstaufgabe und "Anschluß" der DDR 1989/90 staatsförmig allein die westliche Variante des Bruchs mit dem "deutschen Sonderweg" fortexistiert.

Oktober 1995

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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