Ausgabe April 1997

Abkehr vom Wunsch nach Verleugnung

Über Hitlers willige Vollstrecker als Gegenstück zur historischen Erklärung

Von einem Buch und seiner Wirkung soll die Rede sein, nicht mehr von der Legende über ein Buch, vom angeblichen Vorwurf der Kollektivschuld und der Behauptung eines unabänderlichen Nationalcharakters - auch nicht von dem, lieber Daniel Goldhagen, was wir einander vor wenigen Wochen in New York versprochen haben: daß es doch endlich einmal zur Diskussion der Differenzen kommen möge. Die Rede sei von dem Erfolg eines Buches in Deutschland, und der ist ja nicht nur bemerkenswert, sondern auch merkwürdig.

So albern es natürlich ist, ihn auf, wie zuweilen geschehen, den Charme seines Verfassers zurückzuführen (womit ich den allerdings auch nicht in Abrede stellen möchte), so gehört wenigstens zu einem B e s t s e l l e r doch mehr als bloße Qualität. Ein Bestseller ist ein Angebot, das eine bestehende Nachfrage befriedigt - worin bestand die? Als "Schindlers Liste" ein Erfolg wurde, wollten die Kritiker dieses Films den als ein angenommenes Exkulpationsangebot verstehen. Sie hatten aber unrecht. Nicht der endlich einmal gefundene "gute Deutsche" war das, was diejenigen, die den Film sahen, beschäftigte, sondern das Thema der individuellen Verantwortung anders gesagt, das der individuellen Freiheit.

Als Daniel Goldhagens Buch ein Erfolg wurde, wurde es zuweilen in Nachbarschaft oder Nachfolge dieses Films gesehen, und manchmal war das als Einwand gemeint.

April 1997

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema