Ausgabe April 1999

Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt. Der Rücktritt Oskar Lafontaines als Vorsitzender der SPD und Bundesfinanzminister

Interview vom 14. März 1999 (Wortlaut)

Völlig überraschend erklärte Oskar Lafontaine am 11. März 1999 seinen Rücktritt als Bundesfinanzminister und SPD-Vorsitzender. Seine Demission als Parteichef gab er in einem kurzen Brief an die Mitglieder der SPD bekannt. Zu den Motiven seines Rückzugs aus der Politik äußerte er sich erstmals drei Tage später, als er auf entsprechende Fragen des ARD-Korrespondenten Norbert Klein antwortete. Das Schreiben Lafontaines an seine "Parteifreundinnen und Parteifreunde" sowie das Interview vom 14. März 1999 dokumentieren wir nachstehend im Wortlaut. Vgl. im vorliegenden Heft auch den Kommentar von Karl D. Bredthauer, Lafontaine oder Die demokratische Frage. - D. Red.

Brief an die Mitglieder der SPD vom 11. März 1999 (Wortlaut)

Liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde,

hiermit erkläre ich meinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. lch danke Euch und den Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands für die freundschaftliche Zusammenarbeit und das Vertrauen. Ich wünsche Euch für die Zukunft eine erfolgreiche Arbeit für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Euer Oskar Lafontaine

Interview vom 14. März 1999 (Wortlaut)

Frage: Herr Lafontaine, was ist denn das Hauptmotiv für ihren Rücktritt gewesen?

Auf die Antwort auf diese Frage wartet ja jeder. Ich habe natürlich einen gewissen Abstand zu meiner Entscheidung gebraucht. Ich glaube, das wird jeder verstehen, der nachvollziehen kann, was eine solche Entscheidung bedeutet. Ich möchte zunächst sagen, daß die Entscheidung nichts zu tun hat mit der Richtung der Politik, die wir in den letzten Monaten gemacht haben. Wir sind stolz darauf, daß wir viele Versprechungen gehalten haben, das ist etwas Neues in der Politik. Denn allzuoft waren die Wählerinnen und Wähler enttäuscht, weil die Versprechungen nicht eingehalten wurden. Wir wollten soziale Gerechtigkeit, wir wollten Politik für Arbeitnehmer und Familien machen. Diese Politik haben wir in Gang gesetzt, und wir finden auch sehr viel Zustimmung dafür. Der Grund meines Rücktritts ist das schlechte Mannschaftsspiel, das wir in den letzten Monaten geboten haben. Ohne ein gutes Mannschaftsspiel kann man nicht erfolgreich arbeiten. Mannschaftsspiel verlangt, daß man Rücksicht aufeinander nimmt und daß man auch zueinander steht - auch in der Öffentlichkeit - und daß Teamgeist die Regierungsarbeit bestimmt. Ein Beispiel: Während wir die Mittelständler um fünf Milliarden entlasten, diskutiert die Mannschaft darüber, ob wir eine wirtschaftsfeindliche Politik machen. Das verstehe, wer will. Wenn die Mannschaft nicht mehr gut zusammenspielt, muß man eine neue Mannschaftsaufstellumg suchen. Dazu ist mein Schritt die Voraussetzung gewesen. Die neue Mannschaftsaufstellung ist bekannt. Ich wünsche der neuen Mannschaft mit Gerhard Schröder Erfolg bei ihrer Arbeit.

Frage: Was hat das mit dem Kapitän dieser Mannschaft zu tun?

Die Frage, die sicherlich noch angesprochen werden wird, ist, warum ich mich jetzt erst äußere. Ich sagte, ich brauchte etwas Abstand. Und vor allen Dingen wollte ich vermeiden, daß aus der Erklärung eine Selbstrechtfertigung wird. Und ich wollte auch ein Beispiel dafür geben, daß man auch nach dem Rückzug sich nicht dadurch entlastet, daß man andere belastet. Ich sage also noch einmal: Die Fehler, die gemacht wurden, haben wir alle gemacht, und ich glaube, das ist eine Herangehensweise, die jeder akzeptieren kann. Ich habe mich schon als Parteivorsitzender über diejenigen Freunde geärgert, die zurückgetreten waren oder nicht mehr im Amt waren und ab und zu durch Erklärungen die Partei belastet haben. Denn solche Erklärungen sind bekanntlich besonders erwünscht. Nun noch eine Erklärung für die Partei selbst. Der Schritt ist mir natürlich nicht leicht gefallen. Ich bin 33 Jahre in dieser Partei. Seit etwa 30 Jahren habe ich Führungsämter inne. Das ist eine längere Zeit, als viele andere Politiker sie begleitet haben. Das heißt, die Partei ist ein Stück meines Lebens. Ich habe seit dem Attentat von Köln mir natürlich immer wieder die Frage gestellt, wieweit ich diese große Belastung auch mit meiner Familie verbinden kann, mit meinem Privatleben. Und ich habe jetzt eben nach vielen Jahren für das Privatleben entschieden, mit all den Gründen, die ich vorgetragen habe. Ich hoffe, daß die Partei dafür Verständnis hat. Ich möchte auch heute noch einmal für viel Vertrauen danken, das mir entgegengebracht worden ist, für viel Zuneigung sogar. Das hat mich über viele Jahre motiviert, diese schwierige Arbeit zu machen. Ich wünsche der Partei weiterhin einen guten Weg. Ich werde ihn aufmerksam mitverfolgen, ich gehöre zu dieser Partei. Und eines soll sie nicht vergessen: Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt, aber es hat einen Standort: Es schlägt links. Ich danke Ihnen.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Parteien