Erinnern wir uns: Der Durchbruch schien geschafft. Zwölf deutsche Unternehmen erklärten sich im Februar dieses Jahres bereit, eine Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern einzurichten. Zwar hatten erst Sammelklagen in den USA und der Hinweis, die Deutsche Bank werde bei ihrer Fusion mit einer US-amerikanischen Anlagegesellschaft ohne Zahlungen an die NS-Opfer Schwierigkeiten auf dem US-Markt haben, zu dieser Abkehr von mehr als 50 Jahre währender Entschädigungsverweigerung geführt. Doch dies störte kaum jemanden. Symbolträchtig wurde auch ein Datum für den Beginn der Stiftungsarbeit genannt: Der 1. September sollte es sein. Das Szenario für ein neues Kapitel deutscher "Erinnerungskultur" war also umrissen. Doch dann folgte Altbekanntes. Schon die im Stiftungskommuniqué *) formulierten Ziele wiesen die Richtung. Eine "Antwort auf die moralische Verantwortung deutscher Unternehmen aus den Bereichen der Zwangsarbeiter-Beschäftigung, der Arisierung und anderen Unrechts aus der Zeit der NSHerrschaft" wolle man geben, deshalb "humanitäre und zukunftsweisende Projekte" fördern und damit eine Grundlage schaffen, "um Klagen, insbesondere Sammelklagen in den USA, zu begegnen und Kampagnen gegen den Ruf unseres Landes und seiner Wirtschaft den Boden zu entziehen".
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.