Ausgabe Februar 2000

Indonesische Selbstzerfleischung

Im Staatswappen Indonesiens wird der nationale Zusammenhalt mit Sanskrit-Worten beschworen: "Bhinekka tunggal ika - Einheit in der Vielfalt". Mit diesem Appell war den Holländern nach Jahrhunderten kolonialer Bevormundung die Unabhängigkeit der neuen, 17 000 Inseln einbeziehenden Republik abgetrotzt worden. Am 27. Dezember 1949 hatte Den Haag der Souveränität für das einstige Niederländisch-Ostindien zugestimmt. Ein halbes Jahrhundert danach ist diese Einheit akut gefährdet. Die Schreckensmeldungen reißen nicht ab. Fast täglich werden gewalttätige Ausschreitungen gemeldet. In zahlreichen Regionen des südostasiatischen Archipels lodert ungezügelter Haß auf.

Seit dem erzwungenen Rücktritt des Alleinherrschers Suharto im Mai 1998 wird das Riesenreich von politischen Turbulenzen erschüttert, die sich immer wieder in Mord und Totschlag entladen. Die Zahl der Todesopfer geht in die Tausende, und Hunderttausende von Menschen sind wegen der Unruhen auf der Flucht innerhalb Indonesiens. Das in den Hochglanzprospekten der Tourismusindustrie gepflegte Image von Harmonie, Toleranz und ewig lächelnden Einheimischen erweist sich als Illusion. Nachbarn, die bislang friedlich neben- und miteinander lebten, bringen sich um. Längst ist die Frage zu stellen, ob es denn jene indonesische Identität gibt, noch gibt oder je gegeben hat, die angeblich die Menschen zwischen der Nordspitze Sumatras und den Urwaldweiten Papuas verbindet.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.