Ausgabe Mai 2002

Serbien und Montenegro: Solania ante portas

Wenn drei Personen den Pass desselben Staates besitzen, bedeutet das im Falle der Bundesrepublik Jugoslawien nicht, dass diese drei Personen auch tatsächlich wie Bürger ein und desselben Staates leben. Nehmen wir die exemplarische Geschichte vom Bürger S., einem Serben aus Belgrad. Er würde kaum freiwillig in die südserbische Provinz Kosovo fahren, um dort, sagen wir, seinen albanischen Studienfreund, die Person A., zu besuchen. Die Probleme würden schon mit dem Kleingeld anfangen: Seine jugoslawischen Dinare sind im Kosovo wertlos, da die UN-Verwaltung sie abgeschafft und durch den Euro ersetzt hat.

Aber dies wäre die geringste Schwierigkeit. Vielmehr hätte S. als Serbe im Kosovo, im eigenen Land, um seine körperliche Unversehrtheit zu fürchten, denn mehrere zehntausend NATO-Soldaten reichen, wie der Alltag beweist, nicht aus, um dort die persönliche Sicherheit nichtalbanischer Minderheiten zu garantieren. Mitbürger A. fände mehr oder weniger aus demselben Grund einen Besuch in Belgrad wenig begeisternd. Er würde es in der nominellen Hauptstadt seines Staates sorgfältig vermeiden, sich als Albaner zu "outen" niemand könnte dann für seine persönliche Sicherheit garantieren. A. und S. könnten sich jedoch zum gemeinsamen Urlaub in Montenegro, bei M., ihrem früheren Kommilitonen treffen.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.