Ausgabe Oktober 2003

Europa braucht einen magnetischen Kern

Blätter-Gespräch

Blätter: Im Streit um George W. Bushs Irakkrieg hat Europa die Stunde der Wahrheit geschlagen. Was nun? Zurück – oder vorwärts – zu "Kerneuropa"?

Karl Lamers: Die Idee, dass die gesamte EU – mit demnächst 25, 30 und mehr Mitgliedern – das leisten könnte, was wir immer von Europa erhofft haben, ist eine Illusion. Jedenfalls für die absehbare Zukunft. Leider gibt es auf Grund unterschiedlicher Europa-Vorstellungen schon innerhalb der jetzigen 15er-EU beachtliche Spannungen. Eine handlungsfähige Union wird ganz unmöglich sein, wenn es nicht einen magnetischen Kern, ein Gravitationszentrum gibt. Von den sechs Gründungsmitgliedern bleiben als treibende Kraft eigentlich nur Frankreich und Deutschland übrig.

Blätter: Zugespitzt stellt sich ja schon die Frage: Europa – als politische Größe – gibt es das überhaupt?

Lamers: Das ist auf den ersten Blick eine merkwürdige Frage, denn die Wirtschafts- und Währungsunion ist ja extrem politisch; sie greift in das Leben eines jeden Unionsbürgers unmittelbar ein. Trotzdem reden wir alle – ich auch – von dem Desiderat des politischen Europa. Was wir damit meinen, ist offen- sichtlich ein Europa, das der nicht-europäischen Welt gegenüber mit einer Stimme spricht, also das außenpolitisch handelnde Europa.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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