Ausgabe Januar 2005

Diskursiver Dammbruch

Zwei Monate sind seit dem Mord an Theo van Gogh vergangen; zwei Monate, in denen die Stimmung im Land sich radikal verschlechtert hat - weit stärker als durch die Anschläge von New York oder Madrid. Nicht von den Niederlanden ist die Rede, sondern von Deutschland. In diesen acht Wochen wurde mit den angeblichen "Lebenslügen" der scheinbar viel zu liberalen Republik tabula rasa gemacht. Die multikulturelle Gesellschaft? Eine verderbliche Chimäre naiver Gutmenschen. Deutschland ein Einwanderungsland? Ja, zugegebenermaßen, aber die Konsequenz daraus lautet: Lasst es uns am besten so schnell wie möglich rückgängig machen.

Wie aber erklärt sich die hysterische Reaktion auf den Anschlag im kleinen Nachbarland? Offensichtlich fand in der Ermordung van Goghs eine bereits angestaute Stimmung ein Ventil, brachte der Anschlag ein Fass bloß zum Überlaufen. In irrer Beschleunigung kulminieren seither sämtliche seit dem 11. September 2001 geführten Debatten: Terrorismus und Fundamentalismus, EU-Verfassung und Türkei-Aufnahme, multikulturelle Gesellschaft oder deutsche Leitkultur. Die Nation erlebt sich als mediale Erregungsgemeinschaft. Im journalistischen Überbietungswettstreit werden täglich neue Kampfbegriffe auf den Markt der unbegrenzten Möglichkeiten geworfen - mit immer geringeren Halbwertszeiten.

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In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

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