Ausgabe Mai 2005

Kirgisischer Betriebsunfall

Der ehemalige kirgisische Präsident Aksar Akajew wurde bis Mitte der 90er Jahre wegen seiner demokratischen Reformen als "Thomas Jefferson Zentralasiens" bezeichnet. Von diesem Ruf zehrte er lange – wenn auch zuletzt nicht mehr zu Recht. Mehr und mehr häufte Akajew eine enorme Macht- und Kompetenzfülle an und verwandelte das Land in eine Präsidialautokratie, in der die herrschaftliche Selbstbereicherung der Präsidentenfamilie zum Schluss keine Schamgrenzen mehr kannte.

Nun bekam Akajew die Quittung für sein Gebaren. Mit dem Sturm wütender Demonstranten auf den kirgisischen Regierungssitz erlebte der postsowjetische Raum seinen dritten Umsturz in nur 18 Monaten. Die Beseitigung des im zentralasiatischen Vergleich "liberalen" Akajew-Regimes war jedoch, im Gegensatz zu den Revolutionen in Kiew und Tiflis, nicht das Ergebnis langfristiger Planungen, sondern ein Betriebsunfall der Geschichte. So schien die kirgisische Opposition vom Verlauf der Ereignisse ebenso überrascht zu sein wie der nach Moskau geflohene Akajew, der das Land 14 Jahre lang regierte. Die Opposition hatte am 24. März nicht zum Sturz der Regierung aufgerufen, sondern nur eine Protestkundgebung gegen die zuvor manipulierten Parlamentswahlen initiiert. Erst als die etwa 10000 friedlichen Demonstranten durch Akajew-Getreue in wüste Straßenschlägereien verwickelt wurden, begann die Stimmung umzuschlagen.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Asien

Euphorie und Ernüchterung: Bangladesch nach dem Aufstand

von Natalie Mayroth, Dil Afrose Jahan

Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.