Ausgabe Januar 2008

Die vielen Gesichter der Geschichte

Erinnerung und Geschichtspolitik in Polen

Maria, die russische Ehefrau des polnischen Dichters Jan Kasprowicz, war sich schon bald nach ihrer Trauung 1911 darüber im Klaren, dass man die Polen nur verstehen könne, wenn man ihre schmerzhafteste Wunde und zugleich ihren größten Komplex berücksichtigt: nämlich den Untergang des Staates am Ende des 18. Jahrhunderts. Für die Polen war es ein Schock, dass der Staat just in dem Augenblick unterging, als das Land große Reformen in die Wege leitete und sich die großen Aufklärungsgedanken verbreiteten, die auch an der Weichsel den Glauben an die Utopie eines vereinigten Europas freier Völker erweckten. Die Frage, wie einer der ältesten und größten Staaten Europas von der Landkarte verschwinden konnte, stellten sich seither immer wieder ganze Generationen von Polen, wobei sie die Schuld mal bei sich, mal bei den kriegerischen Nachbarn, den Deutschen und Russen, suchten. Die kurze und schwierige Zeit der Unabhängigkeit, die 1918 wiedergewonnen und schon 1939 infolge des Abkommens zwischen dem „Dritten Reich“ und der Sowjetunion wieder verloren wurde, ließ es nicht zu, die Diskussion über das polnische Dilemma in der Abgeschiedenheit der Gelehrtenstuben auszutragen. Und die Morde, Vertreibungen und Verbannungen, die schon seit Herbst 1939 zur Tagesordnung gehörten, vertieften nur noch die Furcht der Polen vor den beiden mächtigen Nachbarn.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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