Ausgabe Januar 2008

Die vielen Gesichter der Geschichte

Erinnerung und Geschichtspolitik in Polen

Maria, die russische Ehefrau des polnischen Dichters Jan Kasprowicz, war sich schon bald nach ihrer Trauung 1911 darüber im Klaren, dass man die Polen nur verstehen könne, wenn man ihre schmerzhafteste Wunde und zugleich ihren größten Komplex berücksichtigt: nämlich den Untergang des Staates am Ende des 18. Jahrhunderts. Für die Polen war es ein Schock, dass der Staat just in dem Augenblick unterging, als das Land große Reformen in die Wege leitete und sich die großen Aufklärungsgedanken verbreiteten, die auch an der Weichsel den Glauben an die Utopie eines vereinigten Europas freier Völker erweckten. Die Frage, wie einer der ältesten und größten Staaten Europas von der Landkarte verschwinden konnte, stellten sich seither immer wieder ganze Generationen von Polen, wobei sie die Schuld mal bei sich, mal bei den kriegerischen Nachbarn, den Deutschen und Russen, suchten. Die kurze und schwierige Zeit der Unabhängigkeit, die 1918 wiedergewonnen und schon 1939 infolge des Abkommens zwischen dem „Dritten Reich“ und der Sowjetunion wieder verloren wurde, ließ es nicht zu, die Diskussion über das polnische Dilemma in der Abgeschiedenheit der Gelehrtenstuben auszutragen. Und die Morde, Vertreibungen und Verbannungen, die schon seit Herbst 1939 zur Tagesordnung gehörten, vertieften nur noch die Furcht der Polen vor den beiden mächtigen Nachbarn.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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