Ausgabe Oktober 2009

Anschluss als Revolution

Ein Rückblick auf die deutsche Vereinigung

Ob das nicht „irgendwie wahnsinnig“ sei, dass sie – eine Ostdeutsche – nur zehn Jahre nach der Wiedervereinigung Helmut Kohl als Chef der Christlich-Demokratischen Union abgelöst habe, fragte im Herbst 2000 Arno Luik, einer der besten Interviewpartner in der deutschen Presse, Angela Merkel. – Ach, das sei eine westdeutsche Sicht, antwortete sie: „Aus Ost-Sicht ist das viel weniger beachtlich.“ Da sei es weitaus eher „Wahnsinn, dass der Kalte Krieg überwunden, dass die Mauer gefallen ist!“

„Wahnsinn“ wurde für das Jahr nach dem 9. November 1989 zu einem alltäglichen Schlüsselwort, das unsere nun ungehinderten Wege in den je anderen Teil Deutschlands begleitete: Niemand hatte ja den Mauerfall vorhergesehen, niemand hatte ihn geplant – auch die ostdeutsche Öffnung der Grenzübergänge in der Berliner Mauer, mit der Antwort des Parteifunktionärs Schabowski auf eine Journalistenfrage, wirkte wie ein Betriebsunfall.

Erstaunlich bleibt übrigens noch heute die undramatische Alltäglichkeit, mit der Angela Merkel – die eher unpolitische Naturwissenschaftlerin aus protestantischem Pfarrershause – diesen historischen Moment erinnert. Auf die Frage, wie sie den Mauerfall erlebt habe, antwortet die künftige Bundeskanzlerin: „Wunderbar. Ich war in der Sauna.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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