Ausgabe September 2010

Häuserkampf mit Google

Googles Ankündigung, den neuen Dienst Street View bereits bis zum Ende dieses Jahres auch hierzulande einzuführen, entzündete eine hitzige Debatte um den Schutz der Privatsphäre.

Das weit verbreitete Unbehagen gegenüber dem neuen Angebot ist dabei durchaus nachvollziehbar. Schließlich steht der Global Player Google nun buchstäblich auf den Fußmatten auch derer, die sich dem Zugriff des datenhungrigen Konzerns bislang erfolgreich entziehen konnten. Erst nach heftigen Protesten räumte Google schließlich allen Betroffenen die Möglichkeit ein, der Online-Veröffentlichung der hauseigenen Fassade zu widersprechen.

Indes begründeten viele ihren Einwand damit, dass durch den Dienst ihr Privates öffentlich zugänglich würde. Eine solche „Privatstraßenmentalität“
(Gustav Seibt) verkennt freilich, dass die Straße Teil des öffentlichen Raums ist. Die Häuserfassaden bilden somit auch nur dessen Außengrenze: Gerade die abfotografierten Spitzengardinen dienen ja eigens dazu, den Blick ins Innere der privaten vier Wände abzuhalten.

Regelrecht unter umgekehrten Vorzeichen gehen derweil einige „Netzaktivisten“ zur Sache: Sie fordern die kompromisslose „Veröffentlichung des Öffentlichen“.

So will der Blogger Jens Best die „freie Zugänglichkeit“ des „digitalen öffentlichen Raums“ standhaft und mit Kamera in der Hand verteidigen. Er ruft freiwillige Mitstreiter dazu auf, all jene Häuserfronten zu fotografieren, deren Besitzer bei Google Einspruch eingelegt haben. Diese Abbildungen sollen dann von Hand beim kommerziellen Google-Dienst nachgepflegt werden.

Seine Aktion versteht Best als „einen weiteren Schritt zu mehr öffentlich verfügbarem Raum im Digitalen.“ Für diese Überzeugung sei er sogar „bereit, ins Gefängnis zu gehen“, tönte der IT-Berater gegenüber „Spiegel Online“. Dieser feierte Googles Knappen prompt als einen, der „gegen den Strom“ schwimme.

Dem Bürgerschreck Best sprang auf Carta.info der ehemalige FAZ-Blogger Michael Seemann zur Seite – und belegte damit zugleich, mit welch selbstgefälliger Anmaßung ein solcher Gratismut einhergeht. Seemann bezeichnet Google Street View wortgewaltig wie gleichsam verharmlosend als den „Einschlag des digitalen Zeitalters direkt vor die Füße des analogen Menschen.“ Mit anderen Worten: Der deutsche Michel müsse endlich mit einem ordentlichen Schuss vor den Bug aufgeschreckt werden. In völliger Verkennung der Tragweite Googlescher Geschäftspolitik sieht Seemann die Bringschuld allein bei den Bürgern. An die rasanten Veränderungen nun auch seiner analogen Lebensumgebung müsse auch dieser sich gefälligst anpassen. Der Blogger schließt süffisant: „Der Sprung ins kalte Wasser wird niemandem erspart bleiben, so oder so. [...] Willkommen in unserer Welt.“ Kurz: Friss, oder stirb! Das klingt wie digitaler Darwinismus – und ist auch so gemeint.

Welche Folgen aber hat Google Street View nun tatsächlich auf die unterschiedlichen Sphären? Es ist eben nicht einfach so, dass das Private durch den neuen Dienst nun öffentlich würde. Genauso wenig wird das Öffentliche einer Allgemeinheit zugänglich gemacht, wie manche Blogger gerne glauben möchten. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Google eignet sich nun auch noch in einem nie gekannten Ausmaß den öffentlichen Raum an – kurzum: Der Konzern privatisiert die Öffentlichkeit. Auf diese Tatsache aber muss man erst einmal kommen.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Gegen den Digitalzwang: Das Recht auf analoges Leben

von Leena Simon, Rena Tangens

In vielen Saunen gilt das Prinzip digital detox – digitale Entgiftung. Elektronische Geräte wie Smartphones, Tablets oder Computer sind dort nicht erlaubt, die Menschen sollen sich von deren übermäßiger Nutzung erholen. Was in den meisten Saunen normal ist, wird in der Außenwelt jedoch immer schwieriger.

Der maskierte Raub

von Naomi Klein

In der vielschichtigen Debatte über die schnelle Verbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) gibt es eine vergleichsweise obskure Auseinandersetzung um die „KI-Halluzinationen“. Auf diesen Begriff haben sich die Architekten und Förderer der generativen KI geeinigt, um Antworten von Chatbots zu bezeichnen, die völlig erfunden oder einfach falsch sind.