Ausgabe Juli 2011

Das 20. Jahrhundert denken

Was im Jahre 1999 als Verschriftlichung von Vorlesungen begann, kommt nun, über ein Jahrzehnt später, mit Erscheinen des vierten Bandes zu seinem krönenden Abschluss: Frank Deppes Opus Magnum über das Politische Denken im 20. Jahrhundert. Und diese bislang umfassendste Diskussion neueren politischen Denkens aus der Feder eines marxistischen Politikwissenschaftlers hat es wahrhaftig in sich.
Der Marburger Hochschullehrer begibt sich dabei nicht in die luftigen Höhen einer bloßen Geistes- oder Ideengeschichte. Er erweitert und erneuert vielmehr die unorthodoxe, von Marx und Engels inspirierte Tradition, wie sie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sowie seine Lehrer Werner Hofmann und Wolfgang Abendroth entwickelten – und zwar indem er die Ideen und deren Urheber in den Kontext konfliktreicher Kämpfe stellt: von den Erschütterungen der bürgerlichen Welt am Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Sturz in die Weltkriegsepoche, vom Zeitalter des Kalten Krieges bis in die Gegenwart des entfesselten Finanzkapitalismus.
Entstanden ist so ein Grundlagentext, der sich in eigentümlichem Widerspruch zur Situation an den Massenuniversitäten bewegt, in der „die Arbeitsbedingungen für die Konzentration auf längere, individuelle Projekte extrem ungünstig sind“. Kurzum: Es ist ein Werk, das aus anderen Zeiten kommt, aber auch in andere gehen will.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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