Ausgabe Mai 2017

Iranische Paradoxien

Streifzüge durch ein uneindeutiges Land

Wenn die Iranerinnen und Iraner am 19. Mai ihren Präsidenten wählen, hat der moderate Kleriker Hassan Rohani gute Chancen, das Vertrauen für eine zweite Amtszeit zu erringen. Vielen Beobachtern gilt er als Garant dafür, dass sich Irans neue Diplomatie des Dialogs gegenüber dem Westens fortsetzen würde – wenn auch unter widrigen Bedingungen. Denn die Entspannung, die sich viele Iraner nach dem 2015 ausgehandelten Nuklearabkommen erhofft haben, will vorerst nicht eintreten: US-Präsident Donald Trump ist daran gelegen, eine Drohkulisse aufrechtzuerhalten; neue Sanktionen wurden erlassen.

Die üblichen Kurzzeit-Analysen übersehen allerdings, dass sich die iranische Gesellschaft unter der Oberfläche der offiziellen Politik schon lange in einem Veränderungsprozess befindet. Das zu erkennen ist nicht immer leicht, und westliche Prognosen über die Entwicklung der Islamischen Republik haben sich so oft als falsch erwiesen, dass die Iraner daraus eine Gesetzmäßigkeit abgeleitet haben: „Nur eines weiß man sicher: Was ihr alle vorhersagt, wird garantiert nicht passieren.” Quelle vieler Fehldeutungen ist unser Hang zum binären Denken: Gut oder Böse; für uns, gegen uns; westlich-säkular gegen reli­giös-fanatisch. Alles, was uns vertraut und schön erscheint, wird als pro-westlich definiert: ob Lippenstift, verrutschtes Kopftuch oder Menschenrecht.

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Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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