Ausgabe Februar 2024

Ein Gewerkschaftsintellektueller der besonderen Art

Zum Tode von Detlef Hensche

In der aufgeregten Debatte um kulturelle Identitätspolitik trat der Sozialphilosoph und Ökonom Amartya Sen mit der These hervor, dass alle Menschen nicht nur eine, sondern eine Vielzahl von Identitäten und Loyalitäten besitzen. Diese multiple Ausstattung beruhe darauf, dass alle Individuen unterschiedlichen sozialen Gruppen und kulturellen Milieus zugleich angehörten. Ob Staatsangehörigkeit oder Geschlecht, Klassenzugehörigkeit oder Beruf, man tue gut daran, so Sen weiter, diese Identitätspluralität anzuerkennen und sie nicht auf eine zu reduzieren.

Dass die diversen Identitäten konfliktfrei miteinander harmonisieren, ist jedoch eher die Ausnahme. Bei dem langjährigen „Blätter“-Mitherausgeber Detlef Hensche war dies allerdings in fast einzigartiger Weise der Fall. Bei ihm fügten sich unterschiedliche Eigenschaften und Loyalitäten zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit zusammen. Es war wohl dieses Ensemble aus diversen Identitäten, das seine große Ausstrahlung begründete und ihn für Generationen von Gewerkschafter:innen und Linken zur Orientierungsfigur machte.

Der rote Faden in Detlefs Leben war der gewerkschaftliche Grundimpuls, die Arbeits- und Lebensbedingungen derjenigen zu verbessern, die in Ermangelung von Produktionsmitteln und Vermögen von abhängiger Lohnarbeit leben. Diesem Ziel widmete er seine enormen Fähigkeiten und seine ganze Kraft. Er war Gewerkschafter mit Haut und Haar, aber eben nicht nur, sondern zugleich ein exzellenter Jurist, ein politischer Intellektueller und ein grandioser Essayist. Seine Lust, auch gehaltvolle juristische Texte mit bildungsgesättigten Metaphern und ironischen Spitzen zu verzieren, zeugte von seiner Freude an starken Argumenten und gefeilter Rhetorik, stets in politischer Absicht, aber mit Vorliebe fürs rhetorische Florett. Auch die „Blätter“ profitierten davon in zahlreichen Beiträgen zu aktuellen Fragen (nicht nur) der Gewerkschaftspolitik.

Dabei ging seine Liebe zur geschliffenen Formulierung keineswegs zu Lasten der Eindeutigkeit seiner Positionierungen. Diese brachten ihm sogar den zweifelhaften Ruf des letzten Klassenkämpfers in Deutschland ein. Ob in Krisensituationen am Verhandlungstisch, auf Demonstrationen mit streikenden Kolleg:innen oder in Talkshow-Runden inmitten konservativer Widersacher, stets brillierte Detlef mit messerscharfen Analysen und punktgenauen Schlussfolgerungen. Hinzu kamen große Verdienste in unzähligen gewerkschaftlichen Kämpfen um humanere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitszeiten und mehr Partizipation in den Betrieben. Verwiesen sei konkret auf seine Rolle in der Mitbestimmungskampagne des DGB im Jahr 1973, in der Mitbestimmung als Machtfrage politisiert wurde; auf seine Arbeit in der Leitung des Drucker:innen-Streiks für einen Rationalisierungsschutz angesichts neuer Satztechniken und nicht zuletzt auf seine zentrale Funktion in dem 12-wöchigen Streik in der Druckindustrie für die 35-Stunden-Woche im Jahr 1984.

Die Wurzeln seiner Neigung, die Dinge mit theoretischem Tiefgang zu betrachten, sind in Detlefs Biografie leicht auszumachen. 1938 in Wuppertal geboren und aufgewachsen, machte er über seine Mutter früh Bekanntschaft mit der sozialen Bewegung gegen die Wiederbewaffnung. Bevor er sich den Rechtswissenschaften zuwandte, studierte er Kunstgeschichte und Philosophie. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen 1966 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Handels- und Wirtschaftsrecht an der Universität Bonn, wo er 1972 zum Dr. jur. promoviert wurde. Einer kurzen Beschäftigung im Bundesministerium für Forschung und Technologie folgte eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Referent am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB); von 1971 bis 1975 leitete er dann die Abteilung Gesellschaftspolitik beim DGB-Bundesvorstand.

Seine erste Wahlfunktion übernahm Detlef im geschäftsführenden Hauptvorstand der Industriegewerkschaft Druck und Papier. In dieser, im DGB-Spektrum eher links angesiedelten Gewerkschaft war er für Medienpolitik und die Berufsgruppen der Journalist:innen und Schriftsteller:innen zuständig – eine Aufgabe, die ihm förmlich auf den Leib geschneidert war. Wohl niemand sonst hätte die habituelle Annäherung zwischen diesen traditionell eher individualistisch orientierten Intellektuellen und den Gewerkschaften so erfolgreich vorantreiben können. Nach der Gründung der IG Medien 1989 amtierte er von 1992 bis zum Übergang seiner Gewerkschaft in die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) als deren Vorsitzender. Obwohl an der Gründung der neuen Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im März 2001 maßgeblich beteiligt, kandidierte er nicht mehr für den neuen Vorstand. Seiner großen Reputation in den Gewerkschaften tat dies keinen Abbruch.

Detlefs Profil als ausgewiesener Linker schärfte sich nicht nur durch seine wissenschaftliche und gewerkschaftliche Arbeit. Unfreiwillig geriet er in den Sturm der antikommunistischen Vorwürfe, die in den 1970er Jahren gegenüber den westdeutschen Gewerkschaften erhoben wurden. Er wurde diffamiert, Komplize einer Unterwanderung durch Kommunist:innen aus der DDR oder DKP zu sein. Ein Vorwurf, den er mit der ihm eigenen Souveränität und linkem Selbstbewusstsein konterte. Auch dies stärkte die Bewunderung, die ihm vor allem unter jungen und linken Gewerkschafter:innen zuteil wurde.

Nach seiner Zeit als hauptamtlicher Gewerkschafter arbeitete Detlef als Rechtsanwalt in Berlin und trat immer wieder mit kritischen juristischen Stellungnahmen zu Fragen gewerkschaftlicher Politik hervor – keineswegs immer zur Freude der amtierenden Gewerkschaftsvorstände. Nach langer Mitgliedschaft verließ er aus Protest gegen die Agenda-Politik der rot-grünen Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder die SPD und wurde später Mitglied der neu gegründeten Partei Die Linke. Seine Tätigkeit im wissenschaftlichen Beirat der globalisierungskritischen Bewegung Attac markierte seine lebenslange Nähe zu linken sozialen Bewegungen.

Detlef Hensche war, und diesmal sei die etwas abgegriffene Formulierung gestattet, eine Ausnahmeerscheinung: als Gewerkschafter, als Jurist, als Mensch. Wer der Ausstrahlung, mit der er Menschen beeindruckte, ja bezauberte, auf den Grund gehen will, tut gut daran, ihn als Gewerkschaftsintellektuellen besonderer Art, mit diversen Identitäten und Loyalitäten, zu begreifen. Am 13. Dezember des vergangenen Jahres ist Detlef Hensche im Alter von 85 Jahren verstorben.

Aktuelle Ausgabe Dezember 2025

In der Dezember-Ausgabe ergründet Thomas Assheuer, was die völkische Rechte mit der Silicon-Valley-Elite verbindet, und erkennt in Ernst Jünger, einem Vordenker des historischen Faschismus, auch einen Stichwortgeber der Cyberlibertären. Ob in den USA, Russland, China oder Europa: Überall bilden Antifeminismus, Queerphobie und die selektive Geburtenförderung wichtige Bausteine faschistischer Biopolitik, argumentiert Christa Wichterich. Friederike Otto wiederum erläutert, warum wir trotz der schwachen Ergebnisse der UN-Klimakonferenz nicht in Ohnmacht verfallen dürfen und die Narrative des fossilistischen Kolonialismus herausfordern müssen. Hannes Einsporn warnt angesichts weltweit hoher Flüchtlingszahlen und immer restriktiverer Migrationspolitiken vor einem Kollaps des globalen Flüchtlingsschutzes. Und die Sozialwissenschaftler Tim Engartner und Daniel von Orloff zeigen mit Blick auf Großbritannien und die Schweiz, wie wir dem Bahndesaster entkommen könnten – nämlich mit einer gemeinwohlorientierten Bürgerbahn. 

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