Ausgabe Februar 2025

Boualem Sansal und die Fallstricke des Postkolonialismus

Boualem Sansal in Athen, 7.3.2017 (Panayotis Tzamaros / IMAGO / fosphotos)

Bild: Boualem Sansal in Athen, 7.3.2017 (Panayotis Tzamaros / IMAGO / fosphotos)

Als der algerische Schriftsteller Boualem Sansal 2011 den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, waren auch Literaturkennerinnen und -kenner überrascht. Viele kannten den Namen noch nicht, seine Bücher waren im kleinen Merlin Verlag erschienen. Der Laudator, Peter von Matt, charakterisierte Sansal damals vor dem Hintergrund der Lage in Algerien: „Boualem Sansal liebt sein Land, sonst hätte er es schon längst verlassen wie die vielen jungen Leute in seinem Werk, die ihrer Mutter den Rücken kehren und sich übers Meer absetzen. Es gibt ein eigenes Wort für sie: Harraga. Dieses Wort schwebt heute wie ein unheimliches Fanal über der ganzen maghrebinischen Küste. Die Harraga wollen weg, nur weg, hinüber nach Europa, auch wenn sie dabei ein Elend mit dem andern tauschen. Sie sind jung. Sie möchten arbeiten. Sie möchten aus ihrem Leben etwas machen, das ein Gesicht hat. Und sie haben keine Chance.“[1]

Sansals Bücher, in französischer Sprache verfasst und allesamt kritisch gegen den Clan vergreister Unabhängigkeitskämpfer, der das Land beherrscht, und die islamische Staatsreligion, sind in Algerien nur als Bückware zu erhalten und werden wenig gelesen. Der Schriftsteller, der zuvor als Beamter im Industrieministerium tätig war, zog sich in sein mit Stacheldraht umzäuntes Haus in Boumerdès zurück, wo er im faktischen Arrest durchhielt.

»Blätter«-Ausgabe 2/2025

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