Ausgabe März 2026

»Ich bin die Stimme von sechs Millionen«

Vergessen ist niemals neutral – es ist gefährlich

Tova Friedman am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag in Berlin, 28.1.2026 (Juliane Sonntag / IMAGO / photothek)

Bild: Tova Friedman am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag in Berlin, 28.1.2026 (Juliane Sonntag / IMAGO / photothek)

Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust sprach am 28. Januar dieses Jahres Tova Friedman, die als kleines Kind nach Ausschwitz deportiert wurde. Sie beschrieb im Deutschen Bundestag das Wunder ihres Überlebens und warnte: Der Antisemitismus ist nicht verschwunden – er hat sich nur angepasst. Und er begegnet uns heute nicht selten im Gewand des Antizionismus.

Ich stehe heute hier vor Ihnen, um mit Ihnen eine Wahrheit zu teilen, die schmerzlich, aber wesentlich ist. Ich habe keine Geschwister, keine Tanten, keine Onkel, und ich habe meine Großeltern oder meine Urgroßeltern nie kennengelernt, und zwar aufgrund dessen, was hier in Deutschland geschah, was Millionen von Juden während des Zweiten Weltkriegs im Namen einer entmenschlichenden Ideologie – des Antisemitismus – angetan wurde, einer Ideologie, die das moralische Urteilsvermögen korrumpiert, Institutionen ausgehöhlt und letzten Endes ganz normale Menschen zu Mittätern an beispiellosen Verbrechen gemacht hat.

Ich spreche heute nicht nur für mich selbst, denn ich bin ja einfach nur eine Person, nein, ich spreche im Gedenken an sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, nur aus einem einzigen Grund: weil sie jüdisch waren. Darunter eineinhalb Millionen Kinder, die nicht so viel Glück hatten wie ich und nicht überlebt haben.

»Blätter«-Ausgabe 3/2026

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Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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