Ausgabe April 2026

40 Jahre Tschernobyl, vier Jahre Krieg

Wie die Aufarbeitung der Katastrophe verhindert wird

Bei den Dekontaminierungsarbeiten auf dem Gelände des Atomkraftwerks Tschernobyl 1986 (IMAGO / SNA)

Bild: Bei den Dekontaminierungsarbeiten auf dem Gelände des Atomkraftwerks Tschernobyl 1986 (IMAGO / SNA)

In der Ukraine gibt es aktuell zwei Zeitrechnungen: eine Zeit »vor dem Krieg« und eine danach. Das gilt auch für Tschernobyl, wo es am 25. April 1986 im Atomkraftwerk »W.I. Lenin« zum »Größten Anzunehmenden Unfall« kam. Heute liegt die Sperrzone in der Einflugschneise russischer Luftangriffe, Teile von ihr sind vermint – mit verheerenden Folgen.

Vor dem Krieg pries der renommierte Reiseführer »Lonely Planet« einen Trip in die »Зона відчуження Чорнобильської AEC« als »unheimlichsten Tagesausflug der Welt« – eine Tour in die Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk. Für zuletzt 100 Dollar startete der Tagestrip in Kyjiw, der ukrainischen Hauptstadt. Auf dem Weg zur »Zone« gab es im Reisebus einen Dokumentarfilm über die Reaktorkatastrophe zu sehen, die vor 40 Jahren zum GAU führte. 

Block 4 des Atomkraftwerkes in der Nordukraine war 1986 ans Netz gegangen, obwohl noch nicht alle Testergebnisse für die Genehmigung vorlagen. Die sollten nachgereicht werden. Am 25. April 1986 wollte die Tagesschicht nachweisen, dass nach einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbine noch genügend Elektrizität liefern würde, um den Reaktor zu steuern – so lange, bis die Notstromaggregate anspringen. Allerdings war die Stromnachfrage an diesem Tag im nahen Kyjiw so groß, dass das Experiment abgebrochen und an die nächste Schicht übergeben wurde.

»Blätter«-Ausgabe 4/2026

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (12.00€)
Druckausgabe kaufen (12.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.